Helga Königsdorf (1938-2014)

Foto: schmales Gesicht, eingerahmt von hellen, kinnlangen, leicht gewellten Haaren. Sehr große Brillengläser, fast rund mit durchsichtigem Plastikgestell. Dunkle Jacke, weiße Bluse. Sie spricht mit hoch gezogenen Augenbrauen in Mikrofone direkt vor ihr

Mathematikerin, Schriftstellerin

von Anneliese Mayer
In memoriam Barbara Stötzer-Manderscheidt

Vor einigen Jahren kündigte ich an, drei Frauen zu porträtieren, die mit Parkinson leben bzw. lebten. Zwei bedeutende Frauen aus dem angloamerikanischen Raum habe ich vorgestellt: Margaret Bourke-White und Barbara Thompson. Die dritte hatte ich erst mal zurückgestellt, in der Erwartung, es würde sich noch mal eine breitere Öffentlichkeit für sie interessieren. Dies ist nicht geschehen und zwischenzeitlich ist sie auch ohne großes Aufsehen zu erregen, im Alter von 75 Jahren gestorben. „Ein schöner, warmer Sommertag. Die Rosen standen in üppiger Blüte. Der Abend war mild. In den Gärten tanzten die Glühwürmchen. (…) Wenn er (der Vater, A.M.) sagte, am Tag meiner Geburt blühten die Rosen und schwärmten die Glühwürmchen, ist es absolut sicher, dass es sich so verhielt.“1

Wie der Vater von der Geburt seiner Tochter am 13. Juli 1938 erfährt – wir wissen es nicht. Denn die Mutter ist wenige Tage zuvor zu einer Freundin nach Gera gefahren und hat sich noch auf dem Jahrmarkt vergnügt, als die Wehen einsetzen. Der Vater ist auf dem Gutshof geblieben, den die Unternehmensfamilie Königsdorf nach dem Ersten Weltkrieg gekauft hatte. Wahrscheinlich, dass sie bereits in Besitz eines Telefons sind. Den Ort, an dem der Gutshof stand und wo sie ihre Kindheit verbringt, hat uns Helga Königsdorf nie verraten. Aus ihren Beschreibungen wissen wir jedoch, dass er an der Saale liegt, in der Nähe der Bleilochtalsperre, im Südosten des Thüringer Waldes, im Grenzgebiet Thüringen – Bayern.

Der Vater betreibt Schieferabbau. Das Unternehmen trägt den Namen „Hoffnung mit beschränkter Haftung“, sofern wir Helga Königsdorfs Erinnerungen Glauben schenken wollen.2

Während des Krieges muss der Betrieb schließen, da die Maschinen und die Arbeiter eingezogen werden. Siegfried Königsdorf wird als Halbjude für „kriegsuntüchtig“ erklärt, und so leitet er nun den landwirtschaftlichen Gutshofbetrieb.

Helgas Mutter hat im Gegensatz zu ihrem Mann einen Berufsabschluss und vor der Ehe als chemisch-technische Assistentin gearbeitet.

Helga bleibt ein Einzelkind. Obwohl die Eltern sie nicht unter Leistungsdruck stellen, sind doch unausgesprochen hohe Erwartungen an sie da. Dass sie ein kluges Kind ist, beweist sich in Schule sehr schnell, und sie kann eine Klasse überspringen. Zu ihrer Großmutter Anna Emma Lena hat sie ein besonders herzliches Verhältnis und wenn diese zu Besuch kommt, „Walzen“ sie gemeinsam. Als Walzen bezeichnen sie ihr Spiel mit Wörtern und Sprichwörtern, die beide in den verschiedensten Situationen anwenden und fantasievoll verdrehen.

Ende der vierziger Jahre werden alle landwirtschaftlichen Güter in der DDR enteignet und in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften umgewandelt. Dies geschieht nun auch mit dem Musterbetrieb von Siegfried Königsdorf, der sich daraufhin um eine Stelle am landwirtschaftlichen Institut der Jenaer Universität bewirbt. Helga ist 15 Jahre alt, als sie nach Jena umziehen. Der Abschied vom Dorf scheint der Familie angesichts der Veränderungen nicht schwer gefallen zu sein. Die junge Oberschülerin genießt das Leben in der Stadt. Helga ist eine lebhafte, wagemutige junge Frau, die sich gerne in kleine Abenteuer stürzt. So lernt sie Segelfliegen, was abrupt mit einer Bruchlandung endet. Auch Flirts mit jungen Männern bleiben nicht aus. Jedoch hat sie berechtigte Zweifel, als sie vom Vater auf die Frage, was der Sinn des Lebens wäre, die lapidare Antwort bekommt: „Hab du erst mal einen Mann, dann fragst du das nicht mehr. “Nach dem Abitur stellt sich die Frage nach der Berufswahl. Auf Anraten des Vaters entscheidet sie sich für ein Studium der Physik, ein Beruf mit Zukunft, da die junge DDR dringend WissenschaftlerInnen braucht, um im Wettbewerb mit den benachbarten Staaten mithalten zu können. Die beiden ersten Semester absolviert sie in Jena und macht ein Praktikum bei Zeiss.

1956 bekommt der Vater einen Arbeitsplatz in Berlin und ein weiterer Umzug erfolgt, so dass die junge Studentin ab dem 3. Semester an der Humboldtuniversität eingeschrieben ist und sich eingestehen muss, dass ihr die theoretische Physik doch sehr zu schaffen macht. Sie ist jedoch ehrgeizig und gibt nicht auf. In einem Studentenferienlager lernt Helga Königsdorf den Mathematikstudenten Olaf Bunke kennen, der 1952 mit seinen Eltern und seiner Schwester Tamara.3

aus Argentinien zurückgekehrt ist, wohin sie während des Nationalsozialismus emigriert waren. Sie verlieben sich ineinander und 1958 findet die Hochzeit statt. Ihre Diplomarbeit schreibt Helga Königsdorf in der experimentellen Physik. Sie untersucht dabei das Alkalimetall Caesium. Wie gefährlich ihre Versuche waren, als sie die Stoßquerschnitte bei angeregten und unangeregten Caesiumatomen berechnete, wird ihr erst Jahre später bewusst. Nach Beendigung ihres Physikstudiums bekommt sie eine Stelle am mathematischen Institut der Akademie der Wissenschaften und arbeitet eng mit ihrem Mann zusammen. 1963 – zwei Monate vor der Geburt ihres Sohnes – promoviert sie mit einer Arbeit über „Differentialgleichungssysteme“. Als anerkannte Wissenschaftlerin hat sie nun die Möglichkeit ins Ausland (z.B. nach Indien und Kuba, wo sie mit Fridel Castro diniert) zu reisen und an internationalen Konferenzen teilzunehmen. Einer wissenschaftlichen Karriere steht also nichts mehr im Wege. 1972 wird sie habilitieren und eine eigene Abteilung für Wahrscheinlichkeitsrechnung und Mathematische Statistik leiten.

Die hohen Ansprüche, die sie selbst an ihre Arbeit hat, die jedoch ebenso durch die Erwartungen der Kollegen in dieser männlich dominierten Arbeitswelt an sie gestellt werden, kollidieren mit ihrem Wunsch, eine gute Mutter zu sein und ausreichend Zeit für ihre Kinder zu haben. Mitte der sechziger Jahre ist ihre Tochter geboren. Sie versucht ihren Kindern, die Zärtlichkeit zu geben, die sie selbst als Kind nie bekommen hat. Es gelingt ihr nicht. Außerdem sieht sie sich zunehmend in Konkurrenz zu ihrer Mutter, die eine wichtige Hilfe bei der Versorgung der Kinder und des Haushalts geworden ist und die sich immer mehr in die familiären Angelegenheiten einmischt. Bei Helga Königsdorf wachsen die Schuldgefühle, im privaten Bereich nicht zu genügen. Mitte der siebziger Jahre kommt es zu einer schweren Krise. Die Mathematikerin erkennt, dass sie in ihrem Beruf keine weiteren großen Erfolge mehr zu erreichen sind. Es stellen sich Erschöpfungszustände und depressive Stimmungen ein. Sie merkt, dass sie sich von ihrem Mann entfernt hat und fühlt sich zu anderen Männern hingezogen. Sie lässt sich scheiden.

Ihrem seit der Kindheit gehegtem Wunsch, Geschichten zu schreiben, geht sie nun entschlossener nach. 1978 erscheint das erste Buch von Helga Königsdorf mit dem Titel „Meine ungehörigen Träume“. Mittlerweile wohnt sie mit einem Partner zusammen, der genau das Gegenteil ihres Ex-Mannes ist. Heinrich, ein Philosoph, den sie auf einem Kurs für Leitungskader kennengelernt hat, lebt eher in den Tag hinein und ist auch dem Alkohol nicht abgeneigt. Sie wird schwanger und lässt aufgrund ihres Alters und ihres labilen Gesundheitszustandes einen Abbruch vornehmen. Ihre häufige Niedergeschlagenheit hatte sie bislang mit den beginnenden Wechseljahren zu begründen versucht. Dennoch nehmen die Ermüdungserscheinungen und Migräneanfälle weiter zu. 1978 ist sie zu einer Vortragsreihe in Helsinki, als ihre rechte Hand zu zittern beginnt, was sie zu kaschieren versucht, indem sie sie während ihrer Vorlesungen in die Hosentasche steckt. Als sie jedoch merkt, dass sie die rechte Hand ohne Führung durch die linke nicht mehr gebrauchen kann, erkennt sie, dass sie etwas unternehmen muss und begibt sich zu einer neurologischen Untersuchung. Dort bekommt sie die noch ungenaue Auskunft, dass es sich um einen „Prozess im Zentralnervensystem“ handele. Diese Diagnose hinterlässt ein beunruhigendes Gefühl, da allerlei lebensbedrohliche Krankheiten infrage kommen könnten. Nach einigen Wochen Wartezeit bekommt Helga Königsdorf einen Platz in der Nervenklinik, wo eine intensive Untersuchung stattfindet, an die sie sich erinnert: „Um eine Anomalie meines Gefäßsystems auszuschließen, schoben sie mir eine Sonde durch den Körper von der Leistenbeuge bis in meinen Kopf und spritzten mir mit Druck Farbstoff ein. Sie stachen Nadeln in meine Muskeln und maßen die Zitterfrequenzen. Mein Hirn wurde scheibchenweise geröntgt. Und sie behaupteten, dass ihre Untersuchungen sehr schonend seien, gegenüber dem, was früher üblich war.“ (ebd. S.190f)

Nach dieser Prozedur erfährt sie, dass sie Parkinson hat. Selbstmitleid kommt nicht auf, sondern sie beschließt mit dieser Krankheit offensiv umzugehen und sie nicht zu verheimlichen. Fortan wird sie jedoch, um die Begleiterscheinungen von Parkinson zu minimieren, Medikamente („grüne Kapseln und bunte Tabletten“) einnehmen. In Abständen begibt sich nach Bernburg, wo eine Spezialstation für Parkinsonkranke eingerichtet wurde, um sich neu einstellen zu lassen. Dort begegnet sie anderen Menschen mit ihrer Beeinträchtigung und kann sich ein Bild machen, wie die Verläufe sind. Und sie erfährt, wie sie zum Objekt wird – wie das Pflegepersonal und die Ärzte nicht mit ihr, sondern über sie in ihrer Anwesenheit in der dritten Person reden. Sprechen sie jedoch mit ihr, dann meist in der Wir-Form. In späteren Jahren, mit Fortschreiten ihrer Parkinsonerkrankung wird sie sehr sensibel die alltäglichen Diskriminierungen registrieren, die sie durch ihre Umwelt erfährt. Beispielsweise, dass sie nicht für voll genommen wird, wenn sie verwaschen und langsamer spricht.

Kurz nach dem Bekanntwerden ihrer Erkrankung an der Akademie der Wissenschaften bekommt sie die Verdienstmedaille der DDR verliehen. Jedoch kommt es bei ihr in den folgenden Jahren allmählich zu einer Abkehr von der Mathematik und der Hinwendung zur schreibenden Kunst, in der sie neben Schriftstellerinnen ihrer Generation Christa Wolf, Irmtraud Morgner und Brigitte Reimann4 ihren Platz findet.
Den Zusammenbruch der DDR erlebt das Parteimitglied Helga Königsdorf mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite ist die Erwartung, dass die Partei und das Land sich demokratisieren würden und jahrelange Misswirtschaft ein Ende fände, auf der anderen Seite ist die Angst vor den Härten des Kapitalismus. 1990 lässt sich die Skeptikerin trotzdem von der Partei PDS/Die Linke für den Bundestagswahlkampf gewinnen. Sie tritt als deren Spitzenkandidatin in Baden-Württemberg an, erkennt jedoch bald, dass sie auf verlorenem Posten steht. Im selben Jahr emeritiert sie von ihrer Hochschultätigkeit und lebt fortan als freischaffende Autorin.

Die Jahre nach der Wiedervereinigung sind für die Schriftstellerin eine äußerst arbeitsintensive Zeit. Sie publiziert jährlich etwa drei Bücher, schreibt für verschiedene Tageszeitungen und ist ständig auf Lesereise. Dies ist jedoch immer verbunden mit der Einnahme ihrer Tabletten.

„Ich habe einen Arzt gefunden, der das Medikament mit den Nebenwirkungen radikal absetzt und dafür von einem anderen eine Überdosis ansetzt. Ich bin mit der Umstellung noch längst nicht fertig, fühle mich aber schon besser. Es ist zwar alles noch nicht sehr erprobt, aber ich habe keine Wahl.“ (S. 69) Mit zunehmenden Alter und wenn sie die Dosis senkt, kommt es zu einer Vermischung von Einbildung und Realität. Über ihr Leben nach dem Erscheinen ihrer Erinnerungen ist bislang kaum etwas an die Öffentlichkeit gedrungen. Sie stirbt am 4. Mai 2014 in einem Berliner Pflegeheim. Jedoch wie sie zuletzt schrieb: „Aber ich bin ich, und ich akzeptiere das Sterben nicht. Ich gehe unter Protest. Ich hätte so gerne gesehen, wie es weitergeht.“ (S.232)

In ihren frühen Kurzgeschichten und Erzählungen thematisiert Helga Königsdorf vor allem die Rolle der Frau in der DDR und setzt sich respektlos und ironisch mit dem feudalen Wissenschaftsbetrieb, mit der dort herrschenden Bürokratie, Einfallslosigkeit und Unterordnung auseinander. Das am Anfang meines Porträts aufgeführte Zitat über den Tag ihrer Geburt, ist der Erzählung „Respektloser Umgang“ entnommen. Die Ich-Erzählerin nimmt ihre kleinen grünen Kapseln gegen ihre Krankheit täglich zweimal ein, die sie dann in einen Zustand der Halluzinationen führen. Dadurch erscheint die Atomphysikerin Lisa Meitner in ihrem Arbeitszimmer und sie unterhalten sich über die Diskriminierungen, die sie als Frauen in einer männlich dominierten Wissenschaft erfahren mussten. Unschwer ist in der Ich-Erzählerin Helga Königsdorf zu erkennen, die ihrem Alter Ego gegenübersitzt. Die Jüdin Lisa Meitner musste am gleichen Tag aus Deutschland fliehen, an dem Helga Königsdorf geboren wurde.

 

Fußnoten

(1) Königsdorf 1988, S. 35

(2) In „Landschaft im wechselnden Licht“ schreibt Helga Königsdorf: „Es gibt auch Zwielichtiges, Zurechtgerücktes, Erinnerungen, denen ich selbst nicht traue. Ich bin überzeugt, dass die kleinen Lügen, oder besser, die kleinen Korrektu­ren der Wirklichkeit, und das Vergessen für mich ihren Sinn hatten.“ (S. 11) Und als Motto „Das ist ja das Tolle am Leben. Was immer darüber gesagt und geschrieben wird, es ist immer anders gewesen.“

(3) Tamara Bunke wurde als Guerillakämpferin Tania unter der Führung Che Guevaras berühmt. Sie starb 1967 in Bolivien.

(4) Brigitte Reimann war behindert. Sie hatte als 14jährige Kinderlähmung, von der ein Humpeln zurückgeblieben war. Bereits 1973 starb sie nach einer Krebserkrankung.

 

Quellen

Helga Königsdorf: Respektloser Umgang. Erzählung. Sammlung Luchterhand. Juni 1988

Helga Königsdorf: Gleich neben Afrika. Erzählung. Aufbau Verlag, Berlin 1992

Helga Königsdorf: Landschaft im wechselnden Licht. Erinnerungen. Aufbau-Verlag, Berlin 2002

ZEIT online vom 5. Mai 2014: Schriftstellerin Helga Königsdorf ist tot

 

Bildnachweis

Foto:  Gabriele Senft, Bundesarchiv, Bild 183-1987-1125-309  lizensiert durch Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany/ CC-BY-SA 3.0

wikimedia commons

 

Aus: WeiberZEIT Nr. 31 Dezember 2016, Seite 6-8

 



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