von Anneliese Mayer
Als Frau konnte sie Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts ihre damals entstandenen Werke nur selten und unter großem Verhandlungsgeschick in den Konzertsälen oder an den Opernhäusern unterbringen. Große Kompositionen waren den Männern vorbehalten – ebenso wie das Dirigieren eines Orchesters. Und heute? In Deutschland steht momentan ihre Oper „The Wreckers“ (Strandrecht) auf dem Spielplan der Landes- und Staatstheater. Vorneweg Karlsruhe und Meiningen, und in der jetzigen Saison ist sie in Detmold zu sehen und hören. Wie sehr hatte die Schöpferin der Oper dies gewünscht, als die damals schon fast taube 70-Jährige schrieb: „Und sollen die Ohren anderer jetzt und nach meinem Tod auch nur ein schwaches Echo eines solchen Geistes in meiner Musik erfassen (womit sie „Freiheit, Gelöstheit, Ernsthaftigkeit, die Herzen durchflutet“ meinte), dann ist alles gut … und mehr als gut“. (2/ S. 199)
Am 23. April 1858 wird Ethel Smyth in Sidcup Place in der Grafschaft Kent1 geboren. Die Mutter stammt aus einem künstlerisch-ambitionierten Haus und hat ihre Jugend in Paris verbracht, während der Vater als Generalmajor der britischen Armee ein gewisses Ansehen und Auskommen hat. Gemeinsam mit ihren fünf Schwestern und einem Bruder verbringt sie eine unbeschwerte Kindheit zuerst in Sidcup Place und ab ihrem 8. Lebensjahr im neuen Domizil der Familie, im Landhaus Frimhurst, 45 km von London entfernt. Ethel ist ein „Sturmvogel“, ein sehr burschikoses Mädchen, das auf Bäume klettert und auf dem Hausschwein reitet. Reiten und Tennisspielen werden zeitlebens ihre Hobbys bleiben. Die Erziehung der Mädchen wird u.a. von Gouvernanten aus Deutschland übernommen. Von diesen hat eine ehemalige Absolventin des Leipziger Konservatoriums großen Einfluss auf die Zwölfjährige und ihre beginnende Liebe zur Musik.
Um sie jedoch mehr in standesgemäße (und weibliche) Bahnen zu lenken, wird sie 1871 gemeinsam mit der älteren Schwester Mary in ein Mädchenpensionat geschickt, wobei sie als ihre wesentliche Lernerfolge das „Strümpfestopfen und Einsortieren sauberer Laken in den Schrank“ ansieht (1/S. 19). Nach vier Jahren wieder zuhause, hat sie das Glück in der Nachbarschaft das Ehepaar Ewing kennenzulernen, wo sie Schriftstellerin ist und er ein musikbegeisterter Offizier, mit denen sie Konzerte besucht und die Grundbegriffe der Musiklehre und Komposition vermittelt bekommt. Ansonsten soll sie in die Gesellschaft eingeführt werden. Eine vorschnelle Verlobung mit dem Bruder von Oscar Wilde löst sie jedoch auf. Ihr Entschluss ist unumstößlich: sie will Musik studieren, und zwar in Leipzig. Es kommt zu einer erbitterten Auseinandersetzung mit ihrem Vater, der seine Erlaubnis verweigert. Die willensstarke Ethel greift zu den äußersten Mitteln. Sie spricht nicht mehr, verweigert den Besuch von öffentlichen Veranstaltungen und tritt in den Hungerstreik.
1877 hat sie sich durchgesetzt. Der Vater gibt widerstrebend die Einwilligung und die finanziellen Mittel. In Begleitung ihres Schwagers reist die Neunzehnjährige nach Leipzig und findet rasch Anschluss an die dortige Musikwelt. Sie besucht die Konzerte, die im Sommer öffentlich stattfinden. Da es Anstoß erregt, wenn junge Frauen sich allein bei gesellschaftlichen Veranstaltungen zeigen und sie einmal keine Begleitung findet, weiß sie sich zu helfen. Sie entwickelt einen Plan, in den ihre Vermieterin „diese famose alte Dame etwas zögernd einwilligte. Ich lieh mir eine Perücke mit grauen Korkenzieherlocken und eine große Hornbrille, ihren dichtesten Schleier und ihr Ausgehkleid, das, nachdem ich mich in mehrere Schichten Zeitungspapier gehüllt, mit einer Schnur festgezurrt und andere Vorrichtungen angebracht hatte, hervorragend paßte. Nachdem ich mir schließlich die entsprechenden Falten aufgemalt hatte, segelte ich ins Rosenthal, setzte mich mit einem Strickzeug (reine Attrappe) an einen kleinen Tisch und bestellte Bier und ein Schinkenbrötchen.“ (2/S. 15)
Ihr Studium am Konservatorium beginnt im Herbst. Sie merkt jedoch sehr bald, dass die dort unterrichteten Professoren ihren Ansprüchen nicht gerecht werden können. Es scheinen hier vorwiegend Musiklehrer*innen ausgebildet zu werden – aber sie will mehr. Von daher intensiviert sie ihre Kontakte zu den Leipziger Künstler*innen. Sie verkehrt bald im Haus von Engelbert Röntgen, dem Kapellmeister des Gewandhauses und lernt u.a. Clara Schumann, Edvard Grieg und Johannes Brahms kennen. Sie schätzt Brahms Musik, kann aber auf seine herablassende Art, mit der er ihre Arbeit abqualifiziert, nur mit Spott reagieren.2
Der Komponist und Leiter des Bach-Vereins Heinrich von Herzogenberg unterrichtet sie in Kontrapunkt. Auch seine Frau Elisabeth, eine großartige Sängerin und Pianistin, wird ihre Mentorin und bald verbindet sie eine tiefe Zuneigung. Als Ethel nach einem anstrengenden Aufenthalt in England einen Nervenzusammenbruch erleidet, kümmert sich die ältere, kinderlose Freundin voller Zärtlichkeit um sie. Es entwickelt sich eine intime Beziehung zwischen den beiden. Ethel Smyth wird mit Unterbrechungen zwölf Jahre in Leipzig verbringen. In der Zeit entstehen vorwiegend Kammermusik und Lieder. Einschneidendes Erlebnis ist die Begegnung mit dem Literaten Henry Brewster 1882 in Florenz. Henrys Frau Julia ist die Schwester von Elisabeth. Er verliebt sich in Ethel, es kommt zu einem Zerwürfnis mit seiner Frau auf der einen Seite und auf der anderen wendet sich Elisabeth von Ethel ab. Offiziell haben Henry und Ethel ein Liebesverhältnis erst 10 Jahre später nach dem Tod von Julia. Der Freund wird die Libretti für Ethels erste Opern schreiben.3
Zurück in England baut sie ihre Kontakte zu der Oberschicht aus und gewinnt dadurch Förder*innen ihrer Arbeit. Zu diesen gehört die im Exil lebende frühere französische Kaiserin Eugenie, die den Kontakt zu Königin Victoria herstellt. Aufgrund dieser Verbindung gelingt die Aufführung ihres ersten großen Chorwerkes – der „Mass in D“ – 1893 in der Londoner Royal Albert Hall.4 Nun widmet sich Ethel Smyth ganz ihrer Leidenschaft, der Oper. Sie muss sich jedoch an die deutschen Opernhäuser wenden, denn in England findet sich kein Publikum für diese Musiksparte. Nach langen Suchen findet sich Weimar bereit, ihre erste Oper „Fantasio“5 1898 aufzuführen, die beim Publikum gut abkommt. Es sind wieder die Kritiker, die das Stück zerreißen und wie so oft hört sie, dass ihren Kompositionen der „feminine Charme“ (3/ S. 303) fehle. Aus eigener Unzufriedenheit mit dem Stück verbrennt sie die Noten von „Fantasio“. Für das Misslingen der Aufnahme ihrer Opern sind auch politische Ereignisse, die sich ihr als Hindernisse in den Weg stellen. So ist es 1902 der Burenkrieg (und damit eine Ablehnung all dessen, was aus England kommt), der die deutsche Aufführung von „Der Wald“ in Berlin scheitern lässt. Diese Oper hat jedoch ein Jahr später in der New Metropolitan Opera in New York großen Erfolg. Sie ist dorthin mit ihrer Schwester und Mäzenin Mary Hunter angereist. Ihre berühmteste Oper „The Wreckers“ hat 1906 in Leipzig Premiere und wird nur kurz gespielt. „The Boatswain’s Mate“ entsteht im Frühjahr 1914 und soll im darauffolgenden Jahr in Frankfurt auf die Bühne kommen, aber der 1. Weltkrieg verhindert dies.
1910 lernt Ethel Smyth die Anführerin der Suffragetten Emmeline Pankhurst kennen. Sie unterstützt die Anliegen der Bewegung für ein Frauenwahlrecht und komponiert eine Hymne: „The March of the Women“ – ihr wohl bekanntestes Werk. Sie engagiert sich mehr als zwei Jahren in der „Women’s Social and Political Union“, die für ihre Ziele auch zu militanten Mitteln greift. So ist Ethel dabei, als die Frauen am 1. März 1912 alle Fenster in der Londoner Oxford Street mit Steinen einwerfen, was ihr eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten einbringt.
Während dieser Zeit scheint sie nicht mehr so gut zu hören. Sie versucht darüber hinwegzugehen. Um etwas Ruhe zu finden, verbringt sie ab Dezember 1913 ein halbes Jahr in Ägypten und widmet sich wieder ganz ihrer Musik. Bald nach ihrer Rückkehr bricht der Krieg aus. Sie wird zeitweilig in Vichy/Frankeich als Röntgenassistentin arbeiten. Sie schreibt ihre Autobiografie „Impressions that Remained“, die 1919 in zwei Bänden erscheint. Für die 60-Jährige ist diese Publikation ausschlaggebend, da nunmehr ihre Musik die öffentliche Anerkennung in England erfährt. In den 1920er Jahren greift sie selbst zum Taktstock und dirigiert ihre Kompositionen bei Festivals. Sie bekommt von drei Universitäten die Ehrendoktorwürde verliehen und die königliche Auszeichnung „Dame Commander“ des „Order of the British Empire“.
Und ihre Hörbeeinträchtigung? Die nimmt sicher immer mehr zu, obwohl wenig davon nach außen dringt. So schreibt Eva Rieger: „Ihr Ohrleiden verschlechterte sich. Darüber erfährt man kaum etwas in ihren Büchern, doch zeugen ihre Briefe um 1920 an ihre damals engste Vertraute, der Schriftstellerin Edith Somerville, von dem Schock, den ihre Taubheit ihr verursachte: „Gott sei Dank bin ich eine unersättliche Leserin…ich fühle eine Art Filzpfropfen zwischen mir und den Stimmen dieser Welt… Wahrscheinlich werde ich mich daran gewöhnen, in einem Taucherhelm unter dem Meer eingesperrt zu sein… Aber wer kann sagen, ob es dabei bleibt; ob ich weiterleben möchte?‘“ (2/ S. 235)
Und sie wird weiterleben, hat zahlreiche öffentliche Auftritte und beginnt zusehends, sich auch als Schriftstellerin einen Namen zu machen. An ihrem siebzigsten Geburtstag schwingt sie noch den Taktstock, aber wahrscheinlich zum letzten Mal, denn: „Aber vor etlichen Monaten fing eine diagnostizierte Taubheit an, sich zwischen mich und meine Musik zu drängen, sodass ich sogar beim Dirigieren die Differenzierungen immer schlechter unterscheiden konnte. Auch immer Parkett zu sitzen ist eher schmerzlich, wenn man nicht richtig hören kann; dass war tragisch für mich, denn die neuen Kompositionen interessieren mich mehr als andere auf der Welt.“ (1/ S. 209)
Ihr letztes großes Werk „The Prison“, eine Sinfonie für Soli, Chor und Orchester, entsteht 1930. Im selben Jahr lernt sie Virginia Wolff kennen und benutzt inzwischen ein Hörrohr und Papier und Stift zur Verständigung. Virginia Woolf ist ihre letzte große Liebe und findet Eingang in ihren seit der Pensionatszeit geführten „Katalog der Leidenschaften“, in dem sie Mädchen und Frauen aufgelistet hat, „die für meinen Heiratsantrag infrage kämen, wenn ich ein Mann wäre“ (zit. nach 1/ S. 225). Ethel Smyth Wunsch nach einer sexuellen Beziehung mit Virginia stößt jedoch auf keine Gegenliebe.
Große Feierlichkeiten gibt es anlässlich ihres 75. Geburtstages. Die letzten fünf Jahre ihres Lebens wird sie nichts mehr hören – auch nicht den Kriegslärm. Ihre letzte Autobiografie „What Happened Next“ beendet sie 1940. Sie stirbt am 8. Mai 1944, inzwischen an Diabetes erkrankt, an einer Lungenentzündung in ihrem Haus in Woking/Grafschaft Surrey.
„Wenn ich nicht drei Dinge besessen hätte, die absolut nichts mit Musikalität zu tun haben, nämlích 1. eine eiserne Gesundheit, 2. einen recht ausgeprägten Kampfgeist und 3. – und das ist das wichtigste – ein kleines, aber selbständiges Einkommen – wenn ich das nicht gehabt hätte, dann hätten Einsamkeit und Entmutigung mich schon vor vielen Jahren bezwungen: Und ich möchte noch eines hinzufügen: Hätte ich nicht im Jahre 1919 zwei Memoiren-Bände veröffentlicht, meine Werke würden heute noch genauso selten gespielt wie damals.“ (2/ S. 162)
Fußnoten
(1) Sidcup Place gehört zur Gemeinde Footscray und ist heute ein Stadtteil im Osten von London.
(2) Sie wird später mal schreiben, Brahms starre auf hübsche Mädchen „wie ein sabberndes Milchknäbchen Marmeladentörtchen anglotzt“. (3/S. 302.). Johannes Brahms äußerte sich immer abschätzig über Frauen, die nicht in sein Bild eines braven und stillen Hausmütterchens passten. Mit einer Ausnahme: Clara Schumann.
(3) Henry Brewster stirbt im Juni 1908.
(4 Es kommt nur zu einer Aufführung. Erst 1925 ist die Messe wieder zu hören und wird ins Repertoire aufgenommen.
Quellen
Ethel Smyth: Paukenschläge aus dem Paradies. Erinnerungen. Verlag ebersbach & simon. Berlin 2023 (zitiert mit 1)
Eva Rieger (Hrsg.): Ein stürmischer Winter. Erinnerungen einer streitbaren englischen Komponistin. Bärenreiter Verlag. Basel, Kassel 1988 (zitiert mit 2)
Ethel Smyth. Eine englische Musikdramatikerin an der Wende zur Moderne. In: Eva Weisweiler: Komponistinnen aus 500 Jahren. Eine Kultur- und Wirkungsgeschichte in Biographien und Werkbeispielen. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1981, S.297-323 (zitiert mit 3)
Aus: WeiberZEIT Nr. 47 Februar 2026, Seite 14-16
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