von Heike Oldenburg
Dorothea Buck wurde mit 18 Jahren am 2. März 1936 bei der Vorbereitung der großen Wäsche im elterlichen Wohnhaus auf der Insel Wangerooge von drei Sätzen überfallen. Sie hörte keine Stimmen, es war die Gewissheit, die sie überfiel: „(E)in ungeheuerlicher Krieg wird kommen; ich bin die ‚Braut Christi‘; ich werde einmal etwas zu sagen haben und die Worte kommen ganz von selbst.“ Ihre Eltern hatten wenig Sinn für diesen Überfall. Natürlich durfte auch vom geplanten Krieg nicht laut gesprochen werden, obwohl bereits mental in der Schule durch Schönschreibübungen mit Worten wie „Bunker“ darauf vorbereitet wurde. Nach einem stark bewusstseinserweiternden Erlebnis im Watt kurze Zeit später wurde Dorothea Buck in ein „Haus für Nerven- und Gemütsleiden“ der „Von Bodelschwinghschen Anstalten“ in Bethel bei Bielefeld eingewiesen. Trotz des Bibelwortes: „Kommet her zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.“ auf einer grünen Wand musste sie dort die völlig gesprächslose Behandlung in Form von Dauerbädern, Kaltwassergüssen, Betäubungsspritzen u.a. von Emil Kraepelin (1856-1926) erleben. Es war schon damals wesentlich einfacher, Menschen als krank abzustempeln, anstatt die Wahrnehmung dieser jungen Frau zu erlauben, die realistisch-fein-erweitert die Zeichen der Zeit erkannte. Sie nannte die Psychose später „Zentralerleben, denn alle Bereiche des menschlichen Erlebens, die in der ‚normalen‘ Welterfahrung beziehungslos zersplittert sind, erlebte ich in diesem Zustand als sinnvoll verbunden und vereinigt wie bei einem Fächer“.
Bethels Leiter, Pastor Fritz von Bodelschwingh, hatte schon v o r dem NS-Regime im Mai 1931 bei der ´Ev. Fachkonferenz für Eugenik´ in Treysa die Sterilisation gefordert. Auch Dorothea Buck wurde, obwohl im „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 25. Juli 1933 vorgeschrieben, ohne in einziges aufklärendes Gespräch in ihren neun Monate in Bethel zwangssterilisiert. Der „notwendige, kleine Eingriff“ wurde als Blinddarm-Operation weggelogen, obwohl die Narbe in der Mitte des Bauches war. Bei dieser Vorgehensweise handelt es sich um scharfe Fremdbestimmung und ist aufgrund der lebenslangen Auswirkungen als Verbrechen zu bezeichnen. Die vorherige Lebensplanung war hiernach nicht mehr realisierbar.
Von 1936-1959 hatte Dorothea Buck fünf Psychosen. Ihre späteren Schübe habe sie als Ausgleich für die Abstempelung als „minderwertige Geisteskranke“ gebraucht. Einige Wochen nach ihrem fünften und letzten Schub fiel ihr auf, dass mit dem Aufbruch ihrer Psychose ihre Nachtträume ausgesetzt hatten. Dies schien ihr wie ein Hinweis auf die gemeinsame Quelle von Traum und Psychose im eigenen Unterbewussten. Schon während des vierten Schubs 1946 hatte sie neben einer Mitpatientin den Gedanken eines Unbewussten. Diese erwachte und benutzte in der Psychose eine französisch klingende Sprache – wohl ein vererbter Inhalt, sie stammte aus einer Hugenottenfamilie. Diese beiden Erlebnisse verbanden sich zu der Einsicht, dass in der Psychose das eigene, normalerweise Unbewusste in unser Bewusstsein einbricht. Das Akzeptieren und Einbeziehen der Kräfte des Unbewussten in unser normales Leben, statt sie medikamentös oder auf andere Weise zu unterdrücken, heilt. So vertraut Dorothea Buck immer auf ihre inneren Impulse, damit sich gar nichts stauen kann. In den 53 Jahren seit dieser Erkenntnis lebt sie psychosefrei – ohne Medikamente.
Dorothea Buck wurde im April 1917 als viertes von fünf Kindern in Naumburg a.d. Saale geboren. Ihr Vater war Domprediger. 1920 zog die Familie nach Oldenburg im heutigen Niedersachsen. Dort erlebte sie eine freie und zugleich behütete Kindheit. Die Straße mit mehr Pferdewagen als Autos darauf gehörte zum selbstverständlichen Spielplatz der Kinder. Das Spielen wurde im elterlichen Haus als beste Entwicklungsmöglichkeit fast höher bewertet als die Schule. Mit 14 Lebensjahren hatte Dorothea Buck bereits einen bis zu 28 Kinder umfassenden Kinderspielkreis im Gemeindehaus und übte schon für ihren Berufswunsch Kindergärtnerin.
Da Dorothea Buck diesen Beruf als Zwangssterilisierte jedoch nicht ausüben durfte, wurde sie freischaffende Bildhauerin und arbeitete für die Stadt Hamburg, wo sie auch heute noch in einem Gartenhaus mit viel Grün, Blumen und Vögeln lebt. Als 1961 erstmals die bis dahin verschwiegenen psychiatrischen Morde an 220.000 AnstaltspatientInnen und Heimbewohner- Innen bekannt wurden sowie die unverändert unmenschlichen Zustände in den psychiatrischen Anstalten, gab sie ihre künstlerische Arbeit auf. „Wo es an der einfachsten Menschlichkeit fehlt, kann ich keine Kunst machen“, fand sie. Ihre Begeisterung für die Kunst war durch ihre tiefe Beunruhigung zerbrochen. Sie unterrichtete von 1969 bis 1982 als Lehrerin für ‚Kunst und Werken‘ an der Hamburger Fachschule für Sozialpädagogik / künftige ErzieherInnen (KindergärtnerInnen).
Der Journalist Hans Krieger ermutigte Dorothea Buck, ihre Geschichte aufzuschreiben. 1990 kam ihr Erfahrungs- und Heilungsbericht „Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung“ heraus, mit zwei Neuauflagen in Taschenbuchform in den 90er Jahren. Wegen der unveränderten Vorurteile gegen Psychiatrie-Erfahrene wählte Dorothea Buck ein Pseudonym: Sophie Zerchin, das Wort Schizophrenie mit umgestellten Buchstaben. Erst in der vierten Ausgabe 2005, ergänzt durch einen Anhang: ‚Künstlerische Arbeiten‘ und `‘Wie es weiterging‘, verzichtete sie – ohnehin durch viele Lesungen bekannt – auf ein Pseudonym.
In Zusammenarbeit mit Dr. Thomas Bock an der Hamburger Uni-Psychiatrie Eppendorf entstand 1989 das erste Psychoseseminar. Hier wurde mit den Betroffenen gesprochen, nicht über sie. Die Umsetzung der Idee des Trialogs, des Gesprächs zwischen Betroffenen, Angehörigen und in der Psychiatrie tätigen Menschen war für alle Beteiligten sehr beeindruckend. Eine wechselseitige Fortbildung aller drei Gruppen fand statt. Daran schlossen sich für Dorothea Buck fast zehn Jahre rege Reisetätigkeit im deutschsprachigen Raum an. Inzwischen gibt es weit über 150 Psychoseseminare. Der Trialog findet im 21. Jahr statt – passend zum 21. Jahrhundert, in dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die psychischen Gesundheitsprobleme zu den brisantesten, mit der größten Verbreitung unter den Krankheiten erklärte. „Menschen mit psychischen Erkrankungen (O-Ton Website, H.O.) unbefangen zu begegnen ist eine kulturelle Notwendigkeit“ findet auch die Initiative „Irre Menschlich“ in Hamburg. 1992 gründete Dorothea Buck den „Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.“ (BPE) mit, dessen Ehrenvorsitzende sie noch heute ist. Diese beiden Unternehmungen brachten ihr 1997 und 2008 zwei Bundesverdienstkreuze vom Staate ein.
Die Forderung von Dorothea Buck: „Redet mit den Patienten“ ist auch heute aktuell, denn es wird wieder mehr genetisch argumentiert. Weiterhin werden Neuroleptika hochdosiert eingesetzt, ohne mit den Patientinnen zu sprechen. Neuroleptika unterdrücken die Gefühle. ÄrztInnen können oft nicht ertragen, dass das Aushalten des Zustandes und das Gespräch darüber elementar zur grundsätzlichen Bewältigung des krisenhaften Erlebens gehören. Sie haben zudem oft einfach keine Zeit. Eine mit Neuroleptika stillgelegte Person ist bei abnehmendem Personalschlüssel leichter zu handhaben als eine solche in wilder, ungebremster Krise. Eine Mini-Bremse mit geringer Dosis wäre besser für die Betroffenen.
Einer der Fortschritte aus dieser Aufeinander-zu- Bewegung ist der Behandlungsvertrag, der mit einem nahebei liegenden Krankenhaus abgeschlossen werden kann. Es wird vorher festgelegt, was in einer akuten Krise am besten für die Betroffene ist – und sei es nur ein warmes Bad direkt nach der Aufnahme, auch um 1h nachts.
Mit 93 Jahren hat Dorothea Buck die Stiftung „Gegen Euthanasie und Zwangssterilisation und für EX-IN“ gegründet. EX-IN bedeutet „Experienced Involvement“ und ist eine Ausbildung von Betroffenen zu GenesungshelferInnen. „Da wird aus dem Ich-Wissen ein Wir-Wissen.“ (D. Buck) Menschen, die ihre Verarbeitungsprozesse als „Erfahrungsschatz“ gezielt ins Erwerbsarbeitsleben hinein tragen, werden das Thema als Lehrende und in anderen Berufen enttabuisieren.
Als ich kürzlich den Dokumentarfilm „Himmel und mehr“ über diese unermüdliche Vorkämpferin sah, hat er sich mit nachhaltigem Eindruck eingeprägt. Auf jeden Fall erinnere ich ihn als andauernd super intensiv. Sehr umsichtig und feinfühlig wurden die in den Jahren 2001-8 gefilmten Aussagen verdichtet aneinander geschnitten und versuchen, die Frage zu beantworten: Wie konnte diese Frau so konzentriert und konsequent ihre Krisen bewältigen und sich anschließend gesellschaftlich so erfolgreich für den Wandel einsetzen?? Sie kämpft weiter, noch immer stehen Entschädigungszahlungen aus. Dorothea Buck ist noch heute das sprühende Leben, wenn auch alternd und am Gehwagen!
Quellen
Buck, Dorothea, Psychosen verstehen, Flyer, Paranusverlag Buck-Zerchin,
Dorothea Sophie, Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung
Buck-Zerchin, Dorothea Sophie, LASST EUCH NICHT ENTMUTIGEN (Texte 1968-2001) - www.irremenschlich.de
Aus: WeiberZEIT Nr. 20 Januar 2012, Seite 9-10
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