von Anneliese Mayer
Möchte man ihr Wesen erfassen, kommt man mit schlichten Zuschreibungen nicht weiter. Sie war schüchtern. Sie war impulsiv. Sie war schutzbedürftig. Sie war mutig, wenn es galt, Missstände aufzudecken. Sie konnte jähzornig werden. Sie war ehrgeizig. Sie war aufbegehrend. Sie war verletzlich. Sie war unangepasst. Sie war unbeständig. Sie war eigensinnig…. Es könnten noch mehr Charakterzüge aufgeführt werden, ohne dass wir die Person Brigitte Reimann in ihrer ganzen Komplexität erfassen könnten.
Brigitte Reimann wird am 21. Juli 1933 als Älteste von vier Geschwistern in Burg, einer Kleinstadt in der Nähe von Magdeburg, geboren. Wie prägend ist eine Kindheit, die ein halbes Jahr nach der Machtergreifung Hitlers im Dritten Reich beginnt? Sicherlich: Brigitte wächst in einer bürgerlich-liberalen Familie auf. Der Vater, eigentlich gelernter Kaufmann, arbeitet als Drucker im Kunstverlag Hopfer, und seine Tochter wird schon sehr früh mit der klassischen Literatur vertraut. Die Einflüsse von außen sind jedoch nicht außer Acht zu lassen. Sie ist gerade zehn Jahre alt und ihre Schwester gerade geboren, als der Vater in die Wehrmacht einzogen wird und an die Ostfront kommt. In ihren Briefen an den Vater berichtet sie ausführlich von ihren Aktivitäten bei den Jungmädels.1 Von den Spielen und Liedern, die in der Gemeinschaft gesungen werden, ist sie sehr angetan. Vom Krieg selbst bekommt die Burger Bevölkerung wenig mit.
Ab Oktober 1945 besucht Brigitte die Oberschule. Das Fach Deutsch macht ihr viel Freude. Sie schreibt jedes Jahr ein Laienspiel. Zuerst das Stück „Deutsche Hausmärchen“ mit Figuren aus den Grimm’schen Märchen, und danach „Maikäfers Bekehrung“. Das Schülerinnenleben scheint seinen normalen Gang zu nehmen. Aber es kommt ein unerwarteter Einschnitt: Anfang Dezember 1947 erkrankt die 14-jährige an Kinderlähmung und muss sechs Wochen auf der Isolierstation im Krankenhaus verbringen. Aus diesem schreibt sie an ihre Freundin zu Weihnachten: „Ich kann Dir bloß sagen, Kinderlähmung ist so ziemlich die schrecklichste Krankheit, die es gibt. Diese Hilflosigkeit macht mich bald verrückt. Das rechte Bein war am Anfang vollständig gelähmt, das linke Bein war sehr schwach. Ich habe schrecklich geheult, als ich ins Krankenhaus mußte.“ (zitiert nach 1/S.16). Anschließend folgt ein Monat in einer Magdeburger Spezialklinik zur Rehabilitation. Neben Gehübungen sind es vor allem Massagen, die eine Verbesserung herabführen sollen. Jedoch wird ein Hüftleiden zurückbleiben, das je nach Wettereinfluss und Gemütszustand mehr oder weniger Schmerzen verursacht. Sie wird immer das rechnete Bein etwas nachziehen und dadurch hinken. In der Zeit der Abgeschiedenheit fasst sie den Entschluss, Schriftstellerin zu werden.
Erst im April 1948 kehrt Brigitte an ihre Schule zurück. „Humpelnd und mit einer quietschenden Metallschiene, die bis zur Wade reicht, quält sie sich die Treppen hinauf. Sie hat nicht nur körperliche Schmerzen; es ist ihr auch peinlich, weil alle sie anstarren.“ (1/S. 20) Ihrem dadurch entstandenen Minderwertigkeitsgefühl versucht sie durch ein burschikoses Verhalten entgegenzutreten. Im Schuljahr wird sie zur Klassensprecherin gewählt und verfasst nun ein Laienspiel, das auch öffentliche positive Resonanz bekommt. „Die Probe“ ist ein Stück über die Kameradschaft zwischen Jungs und Mädchen. Hier beginnt sie bereits die traditionelle Rolle von Mädchen/Frauen zu hinterfragen. Es bleibt auch nicht aus, dass sie sich für das andere Geschlecht interessiert und Liebschaften beginnt.
Zunehmend engagiert sich die mittlerweile 17-jährige in Jugendorganisationen des neuen Staates.2 Sie wird Kreisvorsitzende der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft, und auch in der FDJ übernimmt sie Leitungsfunktionen auf lokaler Ebene. Es bestehen für sie keine Zweifel, dass der sozialistische Staat die richtigen Ziele verfolgt.
Im letzten Schuljahr hat Brigitte eine feste Beziehung. Einige Wochen vor dem Abitur wird sie schwanger. Sie wird abtreiben – die genauen Umstände, wie dies geschieht, sind nicht bekannt. Wahrscheinlich ist bei diesem illegalen Schwangerschaftsabbruch etwas schiefgelaufen, denn sie muss sich im Sommer 1951 einer Operation unterziehen.
Nun steht also die Entscheidung über die berufliche Zukunft an. Den Plan, Theaterwissenschaften in Weimar zu studieren, gibt sie auf. Stattdessen beginnt sie eine kurze Ausbildung als Neulehrerin und unterrichtet zwei Jahre Schulkinder. Und sie schreibt weiterhin Laienspiele, beginnt aber auch mit Erzählungen. Als ein Wettbewerb vom Schriftstellerverband ausgeschrieben wird, bewirbt sie sich mit einer Geschichte über den Sklavenaufstand in Rom, wobei sie eine weibliche Heldin in den Mittelpunkt stellt. Für diese Erzählung bekommt sie Anerkennung von der Grande Dame der DDR-Literatur Anna Seghers. Ein Ansporn, weiterzumachen: Sie beginnt mit den Erzählungen „Die Denunziantin“ und „Joe und das Mädchen auf der Lotosblume“.3 Unterstützung für ihre Arbeit bekommt sie durch die neu gegründete Arbeitsgemeinschaft junger Autoren. Auch privat scheint sich das Glück anzubahnen. Im Oktober 1953 heiratet sie den gleichaltrigen Maschinenschlosser Günter Dominik. Erneut ist sie schwanger. Nach sechs beschwerlichen Monaten kommt es zu einer Frühgeburt, wobei das Kind stirbt. Brigitte verfällt in Depressionen und unternimmt einen Selbstmordversuch. Bald stellt sich heraus, dass die Wonnemonate von kurzer Dauer waren. Das Paar zankt sich häufig. Es kommt auch zu Gewalttätigkeiten. Die Lebenswelten sind einfach zu unterschiedlich. Brigitte Reimann findet ihre geistige Heimat immer mehr in Künstlerkreisen. Sie besucht Tagungen und hält sich in Schriftstellerheimen auf. Zudem ist sie eine Frau, die es mit der Treue zu einem Mann nicht so ernst nimmt. Sie hat Affären. Als 1956 ihr erstes Buch „Die Frau am Pranger“ veröffentlicht wird, zeichnet sich bereits ein Ende der Ehe ab.
Womit die junge Autorin gerechnet hat, geschieht im Herbst 1957: Ein Mitarbeiter der Stasi besucht sie: „Er macht sich Brigitte Reimanns grundsätzliches Einverständnis mit den Idealen des Kommunismus, ihren Ehrgeiz, ihr schlechtes Gewissen, ihren Zorn auf Mißstände, ihre Ehrlichkeit und ihre Lust am Widerspruch zunutze“ (1/S. 65), um sie anzuwerben. Sie unterschreibt einen Verpflichtungsvertrag und berichtet auch erstmal über einen Kollegen. Als sie jedoch aussteigen möchte, wird sie unter Druck gesetzt. Günter hat sich in betrunkenem Zustand mit einem Volkspolizisten angelegt und sitzt im Gefängnis. Um für ihn Hafterleichterungen zu ermöglichen, soll sie kooperieren. Doch die junge Frau ist mutig. Sie informiert ihre Kollegen in der Arbeitsgemeinschaft, die eine Aussprache verlangen. Nach einem halben Jahr ist der Spuk vorbei.
1958 wird die Ehe mit Günter geschieden. Inzwischen hat Brigitte Reimann sich neu verliebt und kann sich eine Zukunft mit dem Schriftsteller Siegfried Pitschmann vorstellen. In ihrem Tagebuch schwärmt sie am 6. April 1958: „(…) es traf mich mitten ins Herz, als er sagte, er liebe meinen Gang, der süß und aufregend ist. Das hat mir noch niemand gesagt. Ein Mann findet meinen Gang schön! Lieber Himmel!“ (2/S.50) Um ihr Hinken zu kaschieren, hatte sie sich beim Gehen einen eleganten Hüftschwung angeeignet.
In der ersten Zeit ihrer zweiten Ehe entwickelt sich eine sehr produktive Zusammenarbeit. Gemeinsam schreiben sie Drehbücher und Hörspiele. Bisher hat Brigitte Reimann immer in ihrem Elternhaus gelebt. Im Januar 1960 erfolgt der Umzug in die neu erbaute Arbeiterstadt von Hoyerswerda. Zusammen mit ihrem Mann folgt sie damit dem „Bitterfelder Weg“, einer kulturpolitischen Programmatik, die die Verbindung von Werktätigen und Schriftsteller*innen anstrebt.4 In Hoyerswerda liegt das größte Braunkohlerevier Europas. Brigitte Reimann arbeitet im Kombinat „Schwarze Pumpe“ mit und leitet Schreibzirkel. Es entstehen zwei Werke, die ihr viel Anerkennung und Preise einbringen. Da ist zum einen die Erzählung „Ankunft im Alltag“, eine Geschichte über drei junge Leute, die nach dem Abitur ein praktisches Jahr in einem Gaskombinat absolvieren. Die Autorin prägt mit dem Titel dieses Buches eine ganze Epoche der „Ankunftsliteratur“. In der zweiten Erzählung „Die Geschwister“, die 1963 erscheint, verarbeitet Brigitte Reimann die Trennung von ihrem Bruder Lutz, dem sie sehr nahestand, und der noch vor dem Mauerbau nach Westdeutschland gegangen war.
Brigitte Reimann hat sich nun einen Namen im Kulturbetrieb der DDR gemacht und sitzt im Vorstand des Schriftstellerverbandes. Für die Parteiprominenz ist sie die junge Vorzeigeautorin, was ihr schmeichelt. Nur allmählich erkennt sie, dass sie benutzt wird.
In ihrem Privatleben ist sie wieder in einen Gefühlswirbel verstrickt. Sie hat den Raupenfahrer Hans Kerschek (sie nennt ihn Jon) in ihrem Schreibzirkel kennengelernt. Ein Mann, der sie - anders als der bedächtige Siegfried Pietschmann - auf allen Ebenen, besonders der sexuellen, herausfordert. Erstmal sind sie grenzenlos in ihrer Abenteuerlust. Aber auf Dauer ist das Dreiecksverhältnis zermürbend. Bei Brigitte Reimann treten bei psychischen Belastungen Kopfschmerzen, Übelkeit und Herzattacken auf. Nach langem Hin und Her lösen sie und Siegfried Pitschmann die Ehe auf. Im November 1964 beginnt die neue mit Jon, jedoch ziehen sie nicht zusammen.
Inzwischen befasst sie sich viel mit Architektur, denn ihrem neuen Romanprojekt soll eine Architektin die Hauptrolle einnehmen. Schon lange fühlt sich Brigitte Reimann in der tristen Arbeitersiedlung von Hoyerswerda mit ihren Plattenbauten und Wohnblöcken und in der durch den Kohleabbau verwüsteten Landschaft nicht mehr wohl. Ihr Unbehagen drückt sie in einem Aufsehen erregenden Zeitungsbeitrag aus, in dem sie fragt: „Kann man in Hoyerswerda küssen?“. Auch mit der kulturpolitischen Ausrichtung der SED-Regierung kommt sie nicht mehr zurecht: sie, für die persönliche Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit des Einzelnen in einer sozialistischen Gesellschaft der Maßstab ist, sieht nun, dass es durch den zunehmenden Dogmatismus der Funktionäre immer mehr zu Einengungen kommt. Spätestens seit dem 11. Plenum des ZK im Dezember 1965, bei dem Schriftsteller diffamiert werden, die nicht systemkonform sind (wie Wolf Biermann), wachsen bei ihr Enttäuschung und leiser Widerstand. Bald steht sie auch unter der Beobachtung der Stasi. Es kommt oft zu depressiven Stimmungen. Ihr Alkohol- und Zigarettenkonsum nimmt zu.
Im Spätherbst 1968 erfolgt der Umzug nach Vier- Tore-Stadt Neubrandenburg. Jon kommt nicht mit. Und gerade jetzt hätte sie einen starken Menschen an ihrer Seite gebraucht; denn es im Sommer hatte sich herausgestellt, dass sie Krebs hat. Zuerst wurde angenommen, dass die Ursache für ihre aufgetretenen Brustschmerzen ein „verkaspelter Fadenrest“ von der vor fünf Jahren durchgeführten Brustverkleinerung sei. Aufgrund dieser Diagnose wurde sie operiert und „es ergab sich leider, daß noch mehr Knoten im Gewebe steckten, widerliche rosa Kugeln (…) (zit. nach 1/S. 238). Nachdem ihr die rechte Brust entfernt wurde, versucht sie Hoffnung zu schöpfen und schreibt an ihre Eltern: „Ihr dürft Euch das nicht allzu schlimm vorstellen. Da ich rechtzeitig zum Arzt gegangen bin, sich die Geschwulst noch nicht sehr ausgebreitet, und es besteht keine Lebensgefahr. Natürlich ist es scheußlich, so halbiert zu sein.“ (2/S. 285)
Doch der Schein trügt. Der Krebs streut, wandert in den Rücken, sie hat höllische Schmerzen. Seit Frühjahr 1970 ist Brigitte Reimann wieder in ärztlicher Behandlung. Sie muss sich mehreren Operationen unterziehen, wird mit der Kobaltkanone bestrahlt und sitzt im Rollstuhl. Es ist jetzt klar: Sie hat Knochenkrebs. An ihrer Seite steht inzwischen ihr vierter Ehemann Rudolf Burgartz, ein zehn Jahre jüngerer Arzt, den sie im Mai 1971 geheiratet hat. Aufmunterung und Trost bekommt sie auch von Christa Wolf, zu der sich eine intensive Freundschaft entwickelt hat. Bis zum Ende schreibt sie an ihrem großen Roman „Franziska Linkerhand“. Franziska, die Architektin, die so viele autobiografische Züge ihrer Schöpferin trägt. Der Roman bleibt unvollendet. Sie stirbt am 20. Februar 1973 im Krankenhaus in Berlin-Buch.
Fußnoten
(1) Jungmädelbund war Teil der nationalistischen Jugendorganisation BdM (Bund der Mädchen), in der die 10-13-jährigen Mädchen in ihrer Freizeit verbrachten.
(2) Die Gründung der DDR erfolgte am 7. Oktober 1949
(3) Diese frühen Erzählungen von Brigitte Reimann werden aus ideologischen Gründen nicht nach ihrer Fertigstellung in der DDR veröffentlicht, sondern erst 2003.
(4) Arbeiter*innen sollen über ihren Alltag schreiben und Schriftstellerinnen sollen in den Produktionsprozess eingebunden werden. Die Trennung von Kopf- und Handarbeit sollte aufgehoben werden
Quellen
Dorothea von Törne: Brigitte Reimann. Einfach wirklich leben. Eine Biografie. Aufbau-Taschenbuchverlag. Berlin 2001 (zitiert mit 1) Brigitte Reimann: Die geliebte, die verfluchte Hoffnung. Tagebücher und Briefe 1947 - 1972. Sammlung Luchterhand. Darmstadt und Neuwied 1984 (zitiert mit 2)
Brigitte Reimann: Ich bedauere nichts. Tagebücher 1955-1963. Aufbau Verlag. Berlin 1997
Brigitte Reimann: Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964 – 1970. Aufbau-Verlag. Berlin 1998
Brigitte Reimann/Christa Wolf: Sei gegrüßt und lebe. 1963-1973. Eine Freundschaft in Briefen und Tagebüchern. Aufbau-Verlag. Berlin 2016
Bildnachweis:
Foto: Klaus Franke / Bundesarchiv, Bild 183-E1209-0026-001 /CC-BY-SA 3.0, lizensiert durch Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany
Aus: WeiberZEIT Nr. 46 März 2025, Seite 14-16
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