Von Anneliese Mayer
„Wer als Ausgegrenzte nicht an die Grenzen glaubt, ist eine Provokation!“
Nachruf auf Aiha Zemp
Kurz vor Weihnachten 2011 verbreitete sich die Nachricht: Aiha Zemp ist tot. Aiha Zemp, die neben Ursula Eggli und deren Bruder Christoph zu den herausragenden Persönlichkeiten der Schweizer Behindertenbewegung gehörte, lebt nicht mehr. Für viele, die sie länger nicht mehr gesehen hatten, kam die Nachricht völlig überraschend. Nur wenige wussten, dass sie 2010 ihre Praxis in Basel aufgrund zunehmender körperlicher Beschwerden aufgegeben hatte.
Aiha Zemp wird am 26. August 1953 in einem katholischen Dorf im Schweizer Kanton Luzern als älteste Tochter eines Schmiedes und einer Schneiderin geboren. Sie hat noch drei jüngere Schwestern. Sie kommt „als Laune der Natur“ auf die Welt, wie sie es selbst bezeichnete, mit Arm- und Beinstümpfen ausgestattet zu sein. Die ersten Formen einer radikalen Behindertenfeindlichkeit erlebt sie sehr früh: Der Pfarrer weigert sich, sie zu taufen, weil ein Fluch über einer Familie mit einem „solchen Kind“ läge. Schon gar nicht soll sie den Namen „Maria“ erhalten, wie es der Wunsch der Eltern ist. Der Name „Maria“ bedeute, „die Empfangende, die Gebärende“, und diese Eigenschaft einer Frau würde das Mädchen mit seiner körperlichen Anormalität nicht erfüllen können, so die Einstellung des Pfarrers. Wenn sie schon getauft werden müsse, dann auf den Namen „Therese“, der Schutzpatronin der Bedürftigen und Armen. Als erwachsene Frau wird sie ihren Taufnamen „Therese“ ablegen und sich „Aiha“ nennen. Erst einige Zeit, nachdem sie den neuen Namen angenommen hatte, erfuhr sie, dass „Aiha“ die gleiche Bedeutung wie „Maria“ hat.
In ihrem Heimatort besucht Aiha Zemp den Kindergarten und die Primarschule. Ihre Behinderung wird kaschiert. Sie bekommt Beinprothesen, die ihr (bzw. ihrer Umwelt) Normalität vorgaukeln sollen „Zudem habe ich negatives Körperbewußtsein mitbekommen, anerzogen vor allem von Ärzten und Physiotherapeutinnen, die es sich zur Aufgabe machten, mein Nichtintaktsein auszugleichen, oder versuchten, es zu verschönern: Bereits als dreijähriges Kind erhielt ich die ersten Beinprothesen, damals vielleicht noch mit der ehrlichen Absicht, mindestens meiner Eltern, mich zum Laufen zu bringen. Ich lernte es auch, und konnte ein wenig gehen damit. Ich selber war allerdings mit diesen Prothesen nie glücklich. Weil sie mich und meinen Körper einschränkten. Man versuchte mir vor allem in der Pubertät einzuimpfen, dass ich mit Prothesen viel schöner sei. (…) aber sie waren zu schwer, sie waren zu meinem übrigen Körper viel zu dünn und zu kurz. (....) Aber niemand sprach mit mir je darüber, welche Konsequenzen diese Beinprothesen für mich hatten, z.B. dass ich im Körperkontakt sehr eingeschränkt war, weil ich mich weniger frei bewegen konnte.“ Zeitweilig kommen noch Armprothesen hinzu. Die Prothesen erleichtern ihr jedoch keineswegs das Essen. Viel vorteilhafter ist das Hilfsmittel, das vom Vater entwickelt wird. Einem Eisenring, den sie über den Armstumpf schieben und an dem ein Löffel oder eine Gabel angenietet ist. Dieses Gerät wird sie zeitlebens benutzen.
Nach dem Ende der Primarschulzeit stellt sich die Frage, wie die weitere schulische Laufbahn für das aufgeweckte Mädchen aussehen kann. Mussten die Eltern bereits bei der Einschulung sich gegen die Behörden durchsetzen und eine Einweisung ihrer Tochter in ein Heim verhindern, geht der Kampf nun weiter. Aiha will aufs Gymnasium und besteht die Eignungstests mit Leichtigkeit. Jedoch kein Mädchengymnasium in der Nähe des Heimatdorfes will sie aufnehmen. Die Begründungen sind: Man könne ihren Anblick den anderen Mädchen im Speisesaal nicht zumuten. Oder: Man müsse erst abwarten, wie sich die Menstruation bei ihr auswirke. Schließlich finden sie und ihre Eltern nach einem Jahr Suche in Beromünster ein neueröffnetes Gymnasium mit angeschlossenem Internat, das bereit ist, Aiha aufzunehmen. Jedoch die Sache geht nicht lange gut. Da ist zu einem der „oberfromme Lateinlehrer“, der beweisen will, dass eine Behinderte nichts am Gymnasium zu suchen hat, und zum anderen eine Heimleiterin, die sie sexuell ausbeutet. In Folge leidet Aiha an Magersucht und starken Konzentrationsstörungen. Diese Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend sind es, die Aiha Zemp Zeit ihres Lebens nachhaltig prägen werden. Keine andere behinderte Frau hat sich so intensiv und fundiert mit (sexueller) Gewalt auseinandergesetzt wie sie.
Ein Wechsel der Schule bringt etwas Entspannung. Sie kommt nach Fribourg in die Academie Ste. Croix, wo sie auch die Matura ablegt. Mit der Matura kommt die Befreiung: Sie wirft die Prothesen ab und wird sie auch nie wieder anziehen. Sie lernt einen jungen Mann namens Wolfgang kennen und heiratet ihn. Sie beginnt ihr Studium der Pädagogik und Journalistik in Fribourg. Sie nimmt Kontakt mit den Schweizer CeBeeF (Club Behinderter und ihrer Freunde) auf und engagiert sich in der Behindertenpolitik. Sie wird einige Jahre das Präsidialamt dort innehaben. Sie schreibt mit an dem Drehbuch und ist eine der HauptdarstellerInnen in dem Film „Behinderte Liebe“, der 1977 entsteht – ein Film, der zum ersten Mal das Tabu „Behinderte und Sexualität“ aufbricht. Sie ist bei der Gründung von Frauengruppen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten dabei. Sie spielt eine Nebenrolle in dem Kinofilm „Freak Orlando“, der von der feministischen Filmemacherin Ulrike Ottinger gedreht wird. Sie lebt in alternativen Wohngemeinschaften. Die Mitbewohner und Mitbewohnerinnen übernehmen Assistenzleistungen bei ihr und sie revanchiert sich, indem sie ihnen die ungeliebten bürokratischen Arbeiten ab- oder Aufgaben bei den Kindern übernimmt. In dieser Zeit wird auch ein Mädchen geboren, das sie 15 Jahre später als Pflegetochter bei sich aufnehmen wird.
1978 schließt sie ihr Studium der Pädagogik ab und studiert anschließend in Zürich Psychologie. Das Studium verbindet sie mit einer sechsjährigen Lehranalyse nach C.G. Jung und bildet sich auch noch in Astrologie aus. Mittlerweile hat sie sich von ihrem Mann getrennt.
Ihre berufliche Tätigkeit als Psychotherapeutin beginnt mit der Eröffnung einer Praxis. Aiha Zemp ist Supervisorin für Therapeutinnen, die mit Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten. Bei dieser Arbeit wird sie vermehrt mit dem Thema „sexuelle Gewalt und Behinderung“ konfrontiert. Sie bietet vermehrt Fortbildungen zu diesem Thema an. In diesem Zusammenhang lerne ich sie auch Anfang der Neunziger Jahre in Neuanspach persönlich kennen. Wir werden uns immer mal wieder treffen und die Begegnungen mit ihr sind von großer Herzlichkeit, intensiven Diskussionen und gemeinsamen Standpunkten geprägt.
Von der österreichischen Familienministerin Johanna Dohnal bekommt Aiha Zemp den Auftrag, eine großangelegte Untersuchung „Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit Behinderung“ durchzuführen. „Weil das alles weh tut mit Gewalt“ ist der Titel der ersten Studie, die das hohe Ausmaß sexueller Gewalt an behinderten Frauen, besonders in Einrichtungen aufzeigt. Die Ergebnisse werden 1996 veröffentlicht und ein Jahr später wird Aiha Zemp für diese Arbeit auch der Doktortitel verliehen. Das nachfolgende Forschungsprojekt wird leider nicht veröffentlicht: „Sexualisierte Gewalt im behinderten Alltag. Jungen und Männer mit Behinderung als Opfer und Täter.“ Dieses Thema hat bislang keine Aufmerksamkeit gefunden.
Nach Abschluss ihrer Forschungsprojekte bricht Aiha Zemp ihre Zelte in der Schweiz ab und wandert nach Ecuador aus. Dort lässt sie sich ein Haus bauen, das ihren Bedürfnissen angepasst ist. Sechs Jahre wird sie dort leben. Aus finanziellen Gründen kehrt sie 2003 nach Basel zurück und startet wieder mit einer eigenen Praxis. In Basel zieht sie in ein saniertes Haus und wird Teil einer Eigentümergemeinschaft. Mit sechs Assistentinnen bewältigt sie Beruf und Alltag. Bis die Schmerzen – bedingt durch eine schwere Osteoporose -immer mehr zunehmen, sie werden schließlich unerträglich. Schmerzmittel schlagen bei ihr nicht an. Die „Fachberatungsstelle für Behinderung und Sexualität“, kurz fabs, die sie leitet, muss geschlossen werden.
Aiha Zemp hat bis zum Ende ihr Leben selbstbestimmt. Sie hat massive Formen der Diskriminierung als behinderte Frau erlebt und sich dagegen entschieden zur Wehr gesetzt. Sie hat sich jedem fremden Zugriff auf ihren Körper entzogen und konnte so eine sehr positive Einstellung zu ihrem Körper finden, der nicht der gängigen Norm entsprach. Ihre innere Stärke ermöglichte es ihr, die durch die Behinderung vorgegebenen Grenzen zu überwinden und sich in vielem auszuprobieren: in der Kunst, im politischen Engagement, im Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit anderen Menschen, im Verlassen von Altgewohnten, in der Weite des Lebens.
Quellen
Zitate aus: Zemp. A: Wer als Ausgegrenzte nicht an die Grenzen glaubt, ist eine Provokation. In: Meier Rey, Ch. /Vökt-Iseli,R.: Karieren mit Barrieren. Lebensberichte von Menschen mit Behinderungen. Rotkreuz 2000
PULS-wissen: miteinander wohnen. Handbuch zu neuen Wohnform von Behinderten und Nichtbehinderten. Bern 1983 - Zemp, T.: behindert leben. In: Courage 1, S. 14-17, Berlin 1980 - Homepage: aiha-zemp.com
Bildnachweis
Foto: Brigitte Faber
Aus: WeiberZEIT Nr. 21 September 2012, Seite 8-9
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