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Weibernetz e.V. - Politische Interessenvertretung behinderte Frauen

" ..., damit wir nicht länger an den Rand gedrängt werden"

Ein Netzwerk behinderter Frauen in Europa entsteht

von Sigrid Arnade

"Meine Kindheit war in zwei Teile gespalten," erzählt Mila Shaliaeva aus Weißrussland. Zunächst lebte sie wie andere Kinder auch. Sie besuchte den Kindergarten und die Schule, lernte und spielte mit den anderen. Seit sie acht Jahre alt ist, muss sie aber aufgrund ihrer angeborenen fortschreitenden Behinderung einen Rollstuhl benutzen. "Damit änderte sich mein Leben total," erinnert sich Mila. "Ich wollte laufen, springen, Schlittschuh- und Skifahren, aber ich konnte es nicht mehr." Aufgrund vielfältiger Barrieren wurde sie zu Hause unterrichtet und konnte nicht mehr mit ihren Freundinnen draußen spielen oder ins Kino oder später in die Disco gehen. "Es war sehr schwer für mich, diese neue Situation zu akzeptieren. Aber ich hatte keine Wahl", berichtet die heute 30-jährige Frau rückblickend.

Nach dem Schulabschluss studierte sie und wurde Fremdsprachenlehrerin. Jetzt arbeitet sie als Übersetzerin in einer weißrussischen Behindertenorganisation. Mila lebt bei ihren Eltern, die sie in ihrem Alltag unterstützen. "Ich hätte sehr gerne Kinder, aber dazu müsste ich erst einmal einen Partner kennenlernen, der mein Leben mit mir teilen will", sagt sie.

Mila ist eine von rund 60 Millionen behinderten Frauen in Europa. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl Frankreichs. Die Lebensbedingungen der Frauen mit Behinderung in Europa sind abhängig von ihrer jeweiligen persönlichen und gesellschaftlichen Situation und damit sehr unterschiedlich. Es gibt aber strukturelle Gemeinsamkeiten: Behinderte Frauen werden als Frauen und als behinderte Menschen mehrfach diskriminiert. So bleiben Frauen mit Behinderung auch in der europäischen Behindertenpolitik immer noch weitgehend unsichtbar. Daher verwundert es nicht, dass behinderte Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen benachteiligt sind.

Das weiß auch die 40-jährige Ana Peláez aus Spanien. Sie berichtet von Benachteiligungen behinderter Frauen auf dem Arbeitsmarkt. "Dadurch ist ihre finanzielle Situation wesentlich schlechter als die behinderter Männer oder nicht behinderter Frauen", sagt Ana. Selbst jüngere Frauen mit Behinderung haben nach Anas Erfahrungen trotz guter Ausbildung kaum eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Ana selbst besuchte nach dem frühen Tod ihrer Mutter zunächst eine Sonderschule für blinde Kinder. Später ging sie in die Regelschule und absolvierte Schule und Studium ohne große Schwierigkeiten. Sie studierte Erziehungswissenschaften, Psychologie und Sonderpädagogik. Jetzt arbeitet Ana in der Spanischen Blindenorganisation und im Spanischen Behindertenrat. Sie ist für internationale Beziehungen und für Frauenfragen zuständig. "Ich vertrete beide Organisationen auf vielen Veranstaltungen, verfasse Dokumente, schlage Gesetzesverbesserungen vor, beantworte die verschiedensten Anfragen und bin auf Dienstreisen in vielen Ländern unterwegs," beschreibt Ana ihre Arbeit.

Seit neun Jahren ist Ana verheiratet, seit vier Monaten hat sie eine Tochter. Unterstützt wird sie in ihrem Alltag durch eine Haushaltshilfe und eine Tagesmutter für ihre Tochter. "Ich habe als Frau mit Behinderung keine großen Barrieren erlebt," fasst Ana ihre Erfahrungen zusammen. "Aber viele behinderte Frauen haben nicht so viel Glück wie ich."

Für die 47-jährige Elke Heinzelbecker aus Deutschland ist es eine große Barriere, wenn sie "geistig behindert" genannt wird. "Ich bin eine Frau mit Lernschwierigkeiten", sagt sie selbstbewusst von sich selbst. Sie arbeitet in einer Werkstatt für behinderte Menschen. In ihrer Freizeit schwimmt Elke leidenschaftlich gerne. Bei verschiedenen Wettkämpfen hat sie insgesamt schon neun Medaillen gewonnen.

Mit Anfang 20 war Elke schwanger und wäre gerne Mutter geworden. "Ich musste abtreiben," erzählt sie. Die Mitarbeiterinnen in dem Wohnheim, in dem sie damals wohnte, wollten es so, und sie konnte sich nicht wehren. Anschließend wurde sie sterilisiert, ebenfalls gegen ihren Willen.

Recht hilflos war Elke auch, als sie einen gewalttätigen Freund hatte, der sie schlug. Einmal warf er in einem Wutanfall eines ihrer Meerschweinchen gegen die Wand. "Ich wollte noch mit Kamille das Blut abwaschen, aber es war zu spät," erzählt sie mit Tränen in den Augen. Schließlich griffen die Mitarbeiterinnen der Werkstatt ein und beendeten die Beziehung. Heute würde ihr so etwas nicht mehr passieren: "Ich würde zurückschlagen", sagt sie voller Überzeugung.

Gewalt ist für viele Frauen mit Behinderung ein großes Problem. So sind behinderte Frauen nach UN-Angaben doppelt so häufig von sexueller Gewalt betroffen wie nicht behinderte Frauen. "Frauen mit Behinderung sollten keiner Form von Gewalt, Missbrauch, Belästigung, Vernachlässigung oder Verletzung ihrer Menschenrechte ausgesetzt sein," wünscht sich Kicki Nordstrom aus Schweden. Sie regte an, dass in Schweden eine Untersuchung zum Thema "Frauen mit Behinderung und Gewalt" durchgeführt wurde, deren Ergebnisse voraussichtlich Ende Mai 2007 veröffentlicht werden.

Kicki ist blind und arbeitet für die "World Blind Union". Sie hat in den letzten Jahren engagiert an der Erarbeitung der UN-Konvention über die Rechte von behinderten Menschen mitgewirkt. Dabei hat sie sich auch dafür eingesetzt, dass Frauen mit Behinderung in der Konvention sichtbar werden. Sie kennt die Benachteiligungen von behinderten Frauen: "In Schweden haben es behinderte Männer leichter als behinderte Frauen, die sozialen Dienstleitungen zu bekommen, die sie brauchen. Das ist statistisch erwiesen, und es ist äußerst problematisch," sagt Kicki. Ihr selbst werden pro Woche zehn Stunden Assistenz von der Gemeinde finanziert. Davon bezahlt sie eine Haushaltshilfe und ihren ältesten Sohn, der mit ihr einkaufen geht.

Kicki ist seit 25 Jahren mit ihrem zweiten Mann verheiratet. Sie hat insgesamt fünf Kinder, zwei aus der ersten und drei aus der zweiten Ehe. "Meine Kinder haben sich nie für ihre behinderte Mutter geschämt," erzählt sie. "Sie haben ihre Freunde mitgebracht und haben mich vorgestellt: ´Das ist meine Mutter und sie ist blind´, als gäbe es nichts Normaleres auf der Welt."

Damit Frauen mit Behinderung in allen Ländern Europas ein "normales" Leben ohne Benachteiligungen führen und in allen gesellschaftlichen Bereichen gleichberechtigt teilhaben können, werden behinderte Frauen aus 15 Ländern Anfang Mai in Berlin auf einer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) finanzierten Konferenz ein europäisches Netzwerk behinderter Frauen gründen. Veranstalterin ist Weibernetz e.V., in Kooperation mit Disabled Peoples´ International (DPI) und International Training Advice Research. Tagungssprachen sind Deutsch, Englisch und auf Anfrage die Deutsche Gebärdensprache. Die behinderten Frauen wollen sich vernetzen und verstärkt zusammenarbeiten, "damit wir nicht länger an den Rand gedrängt werden", wie Kicki es formuliert. Die Schwedin wird auf der Veranstaltung vom 2.-4. Mai 2007 als eine der Hauptreferentinnen über die Lebenssituation behinderter Frauen in Europa sprechen. Sie hofft, auch Mila, Ana, Elke und vielen anderen Frauen zu begegnen, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Strategien gegen die vielfältigen Benachteiligungen zu entwickeln.

Informationen zum Kongress:
www.weibernetz.de/termine.html#tagung

Hintergrundartikel: "Behinderte Frauen weltweit" unter:
http://www.bmfsfj.bund.de/Politikbereiche/gleichstellung,did=96800.html

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