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Vom 8. 10. September 2004 trafen sich in Winnipeg, Kanada ca. 800 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen aus 109 Ländern. Darunter auch eine 10-köpfige Delegation aus Deutschland. Das Weibernetz konnte dank der Finanzierung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vier behinderte Frauen zum Weltgipfel entsenden: Brigitte Faber, Martina Puschke, Sigrid Arnade und Andrea Tischner.
Die Lebenssituation behinderter Frauen nahm als eines der Schwerpunktthemen des DPI-Kongresses einen großen Raum ein. Frauen mit verschiedenen Behinderungen von unterschiedlichen Kontinenten tauschten sich über ihre Rechte auf Fortpflanzung, die Nutzung von Pränataldiagnostik und Präimplantationsdiagnostik, den Zugang zum Gesundheitssystem, die Lebenssituation und Befähigung behinderter Frauen sowie über Ausbildungsmöglichkeiten und Projekte zur Sicherung des Einkommens aus.

In den vergangenen Jahren haben sich auf allen Kontinenten der Erde Netzwerke behinderter Frauen gegründet. Sie arbeiten ähnlich wie das Weibernetz und die Landesnetzwerke behinderter Frauen hier in Deutschland. Die selber behinderten aktiven Frauen arbeiten ehrenamtlich oder in bezahlten Projekten mit der Frauen- und Behindertenbewegung zusammen, sofern diese vorhanden sind. Sie sind Ansprechpartnerinnen der Regierung in Sachen Frauen mit Behinderungen, betreiben eine aktive Öffentlichkeitsarbeit, veranstalten Seminare und Tagungen und informieren behinderte Frauen über ihre Rechte.
Auch die Themenpalette, mit der sich die aktiven Frauen und Netzwerke beschäftigen, ist weltweit ähnlich. Zu ihr gehören Themen wie: Sexualisierte Gewalt, Öffnung bzw. Schaffung von Frauenhäusern, Zugang zum ersten Arbeitsmarkt und zum Gesundheitssystem, Ausbildungschancen, Mobilität, etc. In sog. Entwicklungsländern kommen Probleme wie Bekämpfung der Armut, Zugang zu Wasser, HIV/Aids, ärztliche Versorgung u.ä. hinzu.
Auf der Tagung haben die deutschen Vertreterinnen Netzwerkerinnen z.B. aus Australien, Korea, Kanada, Kosovo, Nigeria und Simbabwe kennen gelernt. Andere Frauen, zum Beispiel in Thailand, wollen Netzwerke aufbauen.
Brigitte Faber hat die Adressen der anwesenden Netzwerke gesammelt und wird nun eine internationale Liste mit den Netzwerken behinderter Frauen erstellen, die dann hier auf der Seite und bei DPI ins Netz gestellt wird.

Mit dem Problem sexualisierter Gewalt sind behinderte Frauen weltweit konfrontiert. Nach einer Umfrage des koreanischen Netzwerks behinderter Frauen haben 49,5 % aller behinderter Frauen in Korea Erfahrungen mit Gewalt. Da vorhandene Frauenhäuser nicht barrierefrei sind, haben Organisationen behinderter Frauen bereits zwei Frauenhäuser speziell für behinderte Frauen gekauft und eingerichtet.
Mehr oder weniger stark ausgeprägte patriarchale Gesellschaftsstrukturen begünstigen die Gewalt gegen Frauen. Die Auswirkungen der sexualisierten Gewalt sind immens. Neben der Traumatisierung und dem Eingriff in die körperliche Integrität hat die Gewalttat erhebliche Auswirkungen auf die soziale Integration der Frau. Eine Referentin aus Togo (Westafrika) berichtete zum Beispiel, dass in Afrika viele Frauen mit Behinderung vergewaltigt werden. Sie gelten nach der Tat als unsauber, die Wertschätzung ihnen gegenüber sinkt erheblich und es wird sich kein Mann finden, der sie heiraten wird. Damit haben vergewaltigte behinderte Frauen keinerlei Absicherung.

Behinderte Frauen aus aller Welt beklagen den fehlenden barrierefreien Zugang zu Arztpraxen und Therapeutinnen bzw. die Möglichkeit und das Recht auf eine generelle ärztliche Versorgung. Um dieses Problem in der Öffentlichkeit darzustellen, haben behinderte Frauen aus Nigeria gemeinsam mit Kolleginnen aus den USA ein Poster hergestellt, auf dem unterschiedliche Frauen aus verschiedenen Ländern ihre Bedürfnisse im Zusammenhang mit dem Gesundheitssystem schildern.
Behinderte Frauen aus ärmeren Regionen beklagen zudem die schlechte Ernährungssituation, welche Krankheiten und Behinderungen zur Folge hat. Eine Referentin aus Ägypten berichtete z.B. dass aufgrund des Vitamin A Mangels viele Frauen erblinden, denn die vitaminreichen und guten Lebensmittel würden traditionell unter den Männern aufgeteilt. Frauen bekämen die wenig nährreichen Reste zu essen. Hinzu komme der starke ernährungsbedingte Eisenmangel, in dessen Folge Frauen körperlich schwächer seien als Männer und daher mehr Unfälle im Haus und bei der Arbeit erleiden. Eine Folge dieser Unfälle sind Behinderungen.
Aus den Medien wissen wir bereits, dass die Verbreitung von HIV/Aids ein großes Problem für ärmere Regionen darstellt. Eine Referentin aus Barbados berichtete, dass besonders viele behinderte Frauen HIV positiv bzw. an Aids erkrankt sind, obwohl sie in karibischen Staaten i.d.R. keinen Sexualpartner finden. Die Referentin berichtete weiter, es ginge jedoch der Mythos um, dass syphiliskranke Männer geheilt werden, wenn sie Sexualkontakt mit einer Jungfrau haben. Entsprechend werden viele Frauen mit Behinderung von dieser Männergruppe vergewaltigt, da sie ansonsten als Sexualpartnerin abgelehnt sind und somit häufiger „Jungfrau bleiben“. In der Folge erkranken sie an Syphilis oder werden HIV positiv und bekommen ggf. Aids.

In Ägypten ist es üblich, dass Frauen jung heiraten und Kinder bekommen. Die wenigsten Frauen nutzen Verhütungsmittel, so dass nicht selten eine Geburt der nächsten folgt. Erschöpfungszustände und Behinderungen bei jungen Frauen im gebährfähigem Alter sind eine Folge.
In Australien wird derzeit das Problem der Zwangssterilisation behinderter Frauen angegangen.

Für Deutschland hat Martina Puschke vom Weibernetz die Problematik rund um die Themen Pränataldiagnostik und Präimplantationsdiagnostik (PID) dargestellt. Sie hat verdeutlicht, dass Frauen im Zusammenhang mit den beiden Technologien eine besondere Rolle spielen. Sie werden immer häufiger für die Geburt eines nichtbehinderten und „gesunden“ Kindes verantwortlich gemacht und somit darin bestärkt, alle zur Verfügung stehenden Diagnostiken in Anspruch zu nehmen. Dass die Untersuchungen in sehr vielen Fällen bei PID in jedem Fall Selektion zur Folge haben, wird den Frauen verschwiegen. Martina Puschke hat sich gegen Selektion ausgesprochen.

Nach Aussagen der ägyptischen Kollegin sind in afrikanischen Staaten 85% der Frauen nicht zur Schule gegangen. In Ägypten z.B. haben Jungen den Vorrang zum Schulsystem. Mädchen können nur zur Schule gehen, wenn das Geld reicht. Behinderten Mädchen steht Bildung in noch selteneren Fällen zu. Sie sind i.d.R. völlig abhängig von ihren Familien. Nur 13 % aller behinderter Frauen in Ägypten haben einen Arbeitsplatz und sind somit eigenständig sozial abgesichert. Bei den behinderten Männern liegt die Rate bei ca. 66 %.
In Korea sieht die Arbeitsmarktsituation für behinderte Frauen ähnlich schlecht aus. Frauen mit Behinderung sind schlechter ausgebildet. Nur jede 8. behinderte Frau besucht die weiterführende Schule. Und nur 19 % der behinderten Frauen gehen einer Erwerbsarbeit nach, während 44 % der Männer mit Behinderung erwerbstätig sind.
Positive Nachrichten erfuhren wir von der Referentin aus Indien. Sie berichtete von dem Aufbau von Selbsthilfegruppen für behinderte Frauen. Finanziert von den Banken stärken sich die Frauen in diesen Gruppen und befähigen sich zu einfachen oder komplexeren Arbeiten. Sie lernen, Verkaufsgegenstände herzustellen oder Arbeiten zu übernehmen. Seit dem Jahr 2000 konnten 300 Projekte dieser Art aufgebaut werden.
Von der Referentin aus den USA kam die wichtige Anregung, dass es in nahezu jedem Land internationale oder nationale Organisationen gibt, die Menschen darin unterstützen, ein selbständiges Unternehmen zu gründen. Sie führen Trainingseinheiten durch, um die Selbständigkeit vor zu bereiten. Behinderte Frauen seien jedoch häufig von diesen Seminaren ausgeschlossen. Deshalb regte die Referentin an, dass möglichst viele entsprechende Organisationen vor Ort befragt werden sollen, ob die Seminare für behinderte Frauen offen seien und wenn nicht, ihnen anzubieten, dies durch Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Themenübergreifend waren Botschafter aus Kanada, Australien und Mexiko eingeladen, um über den Stand der Arbeit an einer UN-Konvention zur Wahrung der Menschenrechte
behinderter Menschen zu berichten. Alle Botschafter nahmen wichtige Impulse und Einschätzungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses mit. Darunter die von Sigrid Arnade aus Deutschland und von Teilnehmerinnen aus Kanada eingebrachte und von allen geteilte Forderung, die Anliegen behinderter Frauen in den einzelnen Artikeln deutlich zum Ausdruck zu bringen. Der mexikanische UN-Botschafter Luis Alfonso de Alba äußerte sogar die Hoffnung, dass die Konvention bereits im Herbst 2005 verabschiedet werden könne. Derzeit wird intensiv an der Erstellung der Konvention gearbeitet.
Frauenforderungen von der Konferenz
Disabled Peoples International DPI - ist eine weltweite Nichtregierungs- und Menschenrechtsorganisation mit Vertretungen in mehr als 160 Ländern im Sinne der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. DPI ist die einzige internationale Organisation, in der die Interessen behinderter Menschen behinderungsübergreifend von Frauen und Männern mit Behinderung vertreten werden.
Als beratende Organisation in Gremien der UNO hat DPI z.B. das Weltaktionsprogramm für behinderte Menschen mitbegründet. Zudem haben Vertreterinnen und Vertreter von DPI an der Erarbeitung der Standard Rules (der Menschenrechtsquarta) mitgewirkt.
Die Gremien von DPI müssen mit Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen aus verschiedenen Regionen der Welt besetzt sein. Zudem wird auf die paritätische Besetzung wert gelegt.
Mehr Informationen (in englischer, französischer und spanischer Sprache) gibt es unter www.dpi.org
Martina Puschke
September 2004
Fotos: Brigitte Faber
Gruppenfoto Weibernetz-Teilnehmerinnen: H.-Günter Heiden