Textgröße ändern
Standardgrößersehr gross
Seitenansicht ändern
Standard ohne Hintergrundbild
Weibernetz e.V. - Politische Interessenvertretung behinderte Frauen
Logo der Tagung

Ergebnisse der Jahrestagung 2004

"Zwischen Anpassung und Protest - Wege behinderter Frauen"

vom 30. September bis 2. Oktober 2004 in Rheinsberg

mit freundlicher Finanzierung durch das
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend



Programm mit Dokumentation der Reden und ersten Ergebnissen

Presse

Programm

Freitag, 1. Oktober

Begrüßung durch Magdalene Ossege
Vorstand Weibernetz e.V.

Grußwort von Dr. Angela Icken
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Grußwort von Rainer Kluge
Landesbehindertenbeauftragter Brandenburg

Impuls: Frauenprojekte und Frauenpolitik für behinderte Frauen in Zeiten des Gender-Mainstreamings
Bärbel Mickler, Vorstand Weibernetz e.V.

Impuls: Agieren statt Reagieren! Gesellschaftliche Perspektiven für behinderte Frauen
Martina Puschke, Projektkoordinatorin Projekt „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“ des Weibernetz e.V.

Arbeitsgruppen

AG 1: Wie wollen wir in der Öffentlichkeit gesehen werden?
Leitung: Brigitte Faber, Weibernetz e.V.
AG 2: Unsere Vorstellungen einer sozialen Politik sind andere!
Leitung: Dr. Sigrid Arnade, JoB.-Medienbüro
AG 3: Eine Plakatkampagne von behinderten Frauen!
Leitung: Martina Puschke, Weibernetz e.V.
AG 4: Assistenz und Unterstützung, die wir brauchen!
Leitung: Elke Bartz, ForseA e.V.
AG 5: Wege behinderter Frauen
Leitung: Dörte Gregorschewski, Netzwerk behinderter Frauen Berlin e.V.

Samstag, 2. Oktober

Open Space (selbst gewählte Arbeitsgruppen)

Schlussrunde mit Verabschiedung der „Agenda behinderte Frauen“


Magdalene Ossege

Begrüßung
durch Magdalene Ossege, Weibernetz e.V.

….Der Vorhang geht auf. Die Tagung "Zwischen Anpassung und Protest - Wege behinderter Frauen" kann beginnen.

Ich darf Sie und euch ganz herzlich zur diesjährigen Jahrestagung des Weibernetzes hier im Haus Rheinsberg in Berlin-Brandenburg begrüßen. Es ist schön, dass wieder so viele Frauen - schon lang bekannte, aber auch viele neue Gesichter - den Weg hierher gefunden haben. Und das allen Barrieren, wie sie uns z.B. die Deutsche Bahn bereithält, zum Trotz!!

Besonders begrüßen möchte ich ebenfalls den Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung des Landes Brandenburg Herrn Kluge. Vielen Dank, dass Sie hierher gekommen sind und sich bereit erklärt haben, im Anschluss ein Grußwort zu sprechen.

Leider ist es der Vertreterin des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Frau Dr. Angela Icken nicht möglich, an der Tagung teilzunehmen und ein Grußwort zur Eröffnung zu sprechen. Das finden wir sehr bedauerlich, denn nur Dank der finanziellen Förderung durch das Bundesministerium kann diese Tagung hier in dem schönen barrierefreien Hotel und Tagungshaus der Donnersmarck Stiftung stattfinden. Daher freuen wir uns besonders, dass sie uns ein schriftliches Grußwort zukommen lassen hat, welches ich anschließend verlesen werde.

Mein Name ist Magdalene Ossege, ich komme von mixed pickles e.V. aus Lübeck und vertrete heute den Vorstand des Weibernetzes. Für die eine oder andere Frau, die noch nicht so viel über das Weibernetz weiß, hier nur ein kurzer Überblick: Seit rund 20 Jahren schließen sich behinderte Frauen zusammen und engagieren sich für ihre Belange. Viele Netzwerke sind in dieser Zeit entstanden. Um die Schlagkraft der einzelnen Landesnetzwerke zu erhöhen, entstand die Idee zur Gründung eines Bundesnetzwerkes, das alle unter einem Dach vereint. 1998 wurde so das Weibernetz e.V. geboren. Vom Weibernetz wurden in ehrenamtlicher Tätigkeit Tagungen und Netzwerktreffen organisiert, Beratungen angeboten, und es wurde überall dort mitgemischt, wo es Frauen mit Behinderung geht.

Diese Aufgaben waren längst nicht mehr ehrenamtlich zu bewältigen - besonders in einer Zeit, in der sich politisch sehr viel für Menschen mit Behinderung bewegt hat.

Nicht zuletzt durch das Engagement so vieler behinderter Frauen und mittels der finanziellen Förderung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend konnte im letzten Jahr das Projekt "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" als dreijähriges Modellprojekt ins Leben gerufen werden. Seitdem ist viel passiert. Die nun eingestellten Mitarbeiterinnen des Weibernetzes vertreten die Interessen behinderter Frauen in den unterschiedlichsten Gremien: Nennen möchte ich an dieser Stelle z.B. die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation BAR, in der es maßgeblich um die Umsetzung des SGB IX geht. Oder den Deutschen Behindertenrat, den Deutschen Frauenrat und den Gemeinsamen Bundesausschuss für Gesundheit. Neben einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit wurden nationale und internationale Kontakte geknüpft oder ausgebaut sowie Landesnetzwerktreffen organisiert.

Die erste Tagung des Projekts "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" fand im EJMB 2003 statt - ein Jahr, in dem viele wichtige und interessante Veranstaltungen von und für Menschen mit Behinderung durchgeführt wurden. Aber auch ein Jahr, in dem parallel Sparmaßnahmen und Gesetze diskutiert und verabschiedet wurden mit weitreichenden Folgen für Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen - Beispiele sind die Gesundheitsreform, die Neugestaltung des Sozialgesetzbuches etc. Daher bleibt es auch weiterhin wichtig, dass wir wachsam sind, dass wir uns zusammentun und wir weiter nach Wegen suchen, wie wir uns gemeinsam für unsere Gleichstellung stark machen können - auch wenn wir dafür noch einen langen Atem brauchen.

Bevor ich abschließe und das Grußwort von Frau Dr. Angela Icken verlese, möchte ich mich ganz herzlich bei den Mitarbeiterinnen des Weibernetzes Martina Puschke, Brigitte Faber und Andrea Tischner für die gelungene Organisation dieser Tagung bedanken. Schön, dass wir an diesem Ort zusammenkommen können.

Last but not least weise ich darauf hin, dass während der gesamten Tagung Fotos gemacht werden. Sollte eine damit nicht einverstanden sein, so sollte sie sich umgehend melden. Doch nun zum Grußwort …


Grußwort
von Dr. Angela Icken,
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Liebe Teilnehmerinnen,
liebe Weibernetz-Frauen,
liebe Mitarbeiterinnen im Projekt "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen",

mit einem herzlichen Gruß aus Bonn möchten wir Ihre diesjährige Tagung begleiten. Leider ist es in diesem Jahr und entgegen aller Planungen nicht gelungen, dass eine Vertreterin des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend an Ihrer Veranstaltung teilnimmt. Es gibt einfach Tage, an denen alle Termine und Veranstaltungen zusammen zu kommen scheinen - und heute ist so ein Tag.

Aber ich möchte es nicht versäumen - weil häufiger Kritik als Dank ausgesprochen wird - dem Netzwerk Weibernetz e.V. und ganz besonders den drei Projektmitarbeiteinnen, Frau Faber, Frau Puschke und Frau Tischner zu danken, die sich mit unbeschreiblichem Engagement für Ihrer aller Sache einsetzen. Weibernetz e.V. ist in der (behinderten)politischen Landschaft zu einer festen und wohlbekannten Größe geworden, an der so schnell niemand mehr vorbei kommt.

Die Arbeit von Weibernetz schafft ein Bewusstsein für die Belange behinderter Frauen, auch wenn es in vielen Fällen langsam, für uns und für Sie zu langsam, erscheint. Aus der Gleichstellungspolitik wissen wir, wie zäh oft Fortschritte erzielt werden. Doch auch wenn der Fortschritt eine Schnecke ist, er ist nicht aufzuhalten. Dafür werden Sie alle, wir im Bundesministerium und gemeinsam mit Ihnen im Zweifel Sorge tragen.

Liebe Frauen, im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist Gleichstellungspolitik ein etablierter Schwerpunkt. 1979 wurde - mit einem Kraftakt - aus dem ersten "Frauenreferat" der "Arbeitsstab Frauenpolitik", um dann 1986 zur "Frauenabteilung", später zur "Gleichstellungsabteilung" zu werden. In diesen 25 Jahren hat sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Frauenorganisationen und -initiativen und dem Ministerium entwickelt. Gute Informationen, informativer Austausch, ist seither der Treibstoff dafür, dass wirklich etwas erreicht werden kann. Ich denke, hier hat sich ein gesundes gegenseitiges Geben und Nehmen entwickelt.

Das Ministerium unterstützt die besonderen Anliegen behinderter Frauen. Sehr aufmerksam verfolgen wir - wie Sie - die Umsetzung des SGB IX, bei der es an der einen oder anderen Stelle zu haken scheint. Aber uns beschäftigt sehr intensiv auch die Umsetzung der EU-Richtlinien. Das Konzept der Bundesregierung sieht vor, die drei EU-Gleichbehandlungsrichtlinien 2000/43/EG (Rasse und ethnische Herkunft), 2000/78/EG (Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Identität) und 2002/73/EG (Geschlecht) gemeinsam in einem Antidiskriminierungsgesetz in innerstaatliches Recht umzusetzen. Ein entsprechender Gesetzentwurf befindet sich zurzeit unter koordinierender Federführung des BMFSFJ noch in der Abstimmung zwischen den Ressorts. Der Entwurf enthält den Vorgaben der Richtlinien entsprechende Vorschriften zur wirksamen Bekämpfung von Diskriminierungen wegen der Rasse oder ethnischer Herkunft, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters, der sexuellen Identität und des Geschlechts. Dazu gehören u.a. Regelungen zu arbeits- und zivilrechtlichen Benachteiligungsverboten, von Ansprüchen bei Verstößen gegen diese Benachteiligungsverbote sowie Vorschriften zur Errichtung einer Antidiskriminierungsstelle des Bundes beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Insbesondere im Zusammenhang mit Hartz IV (SGB II) bestehen derzeit bei vielen Frauen Befürchtungen, dass sich ihre Situation verschlechtern könnte. Die Bundesregierung hat in den Sozialgesetzbüchern II und III gleichermaßen wie im SGB IX in den Eingangsvorschriften festgehalten, dass die Gleichstellung von Männern und Frauen als durchgängiges Prinzip zu verfolgen ist, dass die Grundsicherung insbesondere darauf auszurichten ist, dass geschlechtsspezifischen Nachteilen von erwerbsfähigen Hilfebedürftigen entgegen gewirkt wird und dass familienspezifische Lebensverhältnisse von erwerbsfähigen Hilfebedürftigen, die Kinder erziehen oder pflegebedürftige Angehörige betreuen berücksichtigt werden. Behinderungsspezifische Nachteile sollen überwunden werden.

Bei der Leistung zur Eingliederung können z.B. Leistungen erbracht werden, die für die Betreuung minderjähriger oder behinderter Kinder oder für die häusliche Pflege von Angehörigen erforderlich sind, um nur einige Beispiele zu nennen. Für die Frauen gilt es jetzt, diese Möglichkeiten zu kennen und in der Praxis bei Bedarf einzufordern.

Da Gesetze niemals alle Lebenskonstellationen gleichermaßen berücksichtigen können, ist es u.U. möglich, dass Ungleichheiten nicht vollständig ausgeräumt wurden, werden konnten oder sich andere Erschwernisse auftun, die zuvor nicht erkannt wurden und auf die es Rücksicht zu nehmen gilt.

Für eine möglichst praxisnahe Beurteilung ist es für uns wichtig zu hören, wie dieses Gesetz in der Praxis umgesetzt wird. Daher ist es wichtig, möglichst zeitnah konkrete Informationen über die Auswirkungen der Gesetzgebung in der Praxis zu bekommen.

Für Ihre Veranstaltung wünsche ich Ihnen viel Erfolg und eine gute (Arbeits)Atmosphäre.

Dr. Angela Icken
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend


Grußwort
des Landesbeauftragten für die Belange behinderter Menschen Brandenburg
Rainer Kluge

Rainer Kluge, Landesbehindertenbeauftragter Brandenburg

Sehr geehrte Teilnehmerinnen
der Fachtagung „Zwischen Anpassung und Protest – Wege behinderter Frauen“

im Namen der Landesregierung Brandenburg begrüße ich Sie sehr herzlich in der schönen Kulturstadt Rheinsberg. Sie haben sich für Ihre Tagung nicht nur eine herrliche Umgebung, sondern auch das größte und modernste barrierefreie Hotel Europas ausgesucht. Somit findet erstmals eine Bundestagung von und für behinderte Frauen im Land Brandenburg statt.

Sie haben sich ein sehr anspruchsvolles und ehrgeiziges Tagungspensum zum Ziel gesetzt. Es ist gut und richtig, dass Ihre bundesweite Politische Interessenvertretung behinderter Frauen „Weibernetz e.V.“ zunehmend an Bedeutung und Einfluss gewinnt. Wenn in der Behindertenarbeit die Grundsätze gelten „Menschen mit Behinderungen sind Experten in eigener Sache“ und „Nichts ohne uns über uns“, so muss dies erst recht für die Belange behinderter Frauen durchgesetzt werden!

In Ihren Workshops wollen Sie unter anderem darüber debattieren, wie Sie als behinderte Frauen in der Öffentlichkeit gesehen werden wollen oder wie Assistenz und Unterstützung konkret aussehen muss. Auf die Ergebnisse bin nicht nur ich gespannt, sondern darüber muss die breite Öffentlichkeit informiert werden. Es müssen endlich die Beachtungen der Belange behinderter Frauen mindestens gemäß den entsprechenden Paragraphen der Bundes- und Ländergleichstellungsgesetze in die Tat umgesetzt werden. So genannte doppelte Diskriminierungen müssen ausgeräumt oder gar sanktioniert werden. Strukturelle Gewalt bis hin zu sexuellen Erniedrigungen müssen gerade von Ihnen unmissverständlich benannt und damit justitiabel werden.

Im Land Brandenburg ist die selbstbewusste Organisiertheit behinderter Frauen noch eine kleine Pflanze. Geben Sie mit dieser Tagung Kraft zum Wachsen und animieren Sie Mitstreiterinnen sich kompetent und lautstark zu organisieren.

Als selbst betroffener männlicher Landesbehindertenbeauftragter, der sich gern für Ihre Ziele verwenden will, wünsche ich durch diese Tagung neue Impulse für die Arbeit vor Ort und für die grundsatzpolitische Wirkung Ihrer Vereinigung. Genießen Sie die erholsame Atmosphäre des Tagungsortes und kommen Sie mental und physisch gestärkt zurück an Ihre Wirkungsstätten.

Rainer Kluge
Rheinsberg, 1. Oktober 2004


Impuls: Frauenprojekte und Frauenpolitik für behinderte Frauen in Zeiten des Gender Mainstreaming

Foto Bärbel Mickler

Von Bärbel Mickler

Zunächst ein paar Sätze zu meinem Hintergrund:

Mein Name ist Bärbel Mickler. Ich bin Sozialpädagogin, Mediatorin und Supervisorin.

Das "Weibernetz" habe ich mit gegründet. Seit einigen Jahren bin ich im Vorstand tätig.

Ich wohne in Hamburg und arbeite dort seit gut zwei Jahren beim Verein ForUM - Fortbildung und Unterstützung für Menschen mit und ohne Behinderung e.V. Das Ziel von ForUM ist, durch verschiedene Angebote die Selbstbestimmung behinderter Menschen zu verbessern sowie die Zusammenarbeit und die Kommunikation zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern.

Davor habe ich 12 Jahre in der Beratungsstelle für behinderte Menschen von Autonom Leben gearbeitet.

Die Interessenvertretung von Mädchen und Frauen mit Behinderung ist für mich seit vielen Jahren ein sehr wichtiges Thema. Deshalb bin ich auch im Hamburger Netzwerk "Mädchen und Frauen mit Behinderung" aktiv.

Insgesamt sind meine Tätigkeiten und Aktivitäten eher praktisch als wissenschaftlich geprägt.

Aber nun zum Thema meines Referates. Es geht um Frauenprojekte und Frauenpolitik für behinderte Frauen in Zeiten des Gender Mainstreaming.

Es ist immer noch ein großer Unterschied, ob wir als Frau oder Mann in dieser Gesellschaft leben. Noch immer sind Frauen diejenigen, die in erster Linie für die Haus- und Familienarbeit zuständig gemacht werden. Führungspositionen sind überwiegend von Männern besetzt.

Sicher gibt es inzwischen auch Frauen, die eine leitende Aufgabe haben. Und es gibt auch Männer, die die Erziehung der Kinder übernehmen. Aber diese Aufgabenverteilung ist viel weniger selbstverständlich als umgekehrt.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Die Frauenbewegung kritisiert die soziale Ungerechtigkeit im Umgang mit Frauen seit vielen Jahren. Aus der Frauenbewegung ist auch die Frauenforschung entstanden. Diese Erscheinung wurde erforscht und daraus gesellschaftspolitische Forderungen entwickelt. Diese Erscheinung wird auch als "Soziales Geschlecht" bezeichnet.

An vielen Universitäten haben sich Lehrstühle für Frauenforschung gebildet. Über Frauenforschung und feministische Politik wird seit einigen Jahren jedoch nur noch selten gesprochen. Heute werden „Gender Studies" und „Gender Mainstreaming" betrieben.

Viele Erkenntnisse aus der Frauenforschung fließen hierbei mit ein.

Was ist mit "Gender Mainstreaming" gemeint?

Der Begriff "Gender Mainstreaming" kommt aus dem Englischen. Mit ihm ist die Vorstellung verbunden, dass bei allen Vorhaben (z.B. der Entwicklung von Gesetzen, bei Haushaltsplanungen oder der Entwicklung von Konzepten) die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig berücksichtigt werden sollen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.

Das Wort "Gender" bezeichnet die Geschlechtsrollen von Frauen und Männern. Es gibt also einen Unterschied zwischen den Geschlechtsrollen und dem biologischen Geschlecht. Die Geschlechtsrollen sind gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägt. Sie sind also im Gegensatz zum biologischen Geschlecht nicht angeboren, sondern erlernt und damit auch veränderbar.

"Mainstreaming" ist das englische Wort für "Hauptstrom" und bedeutet, dass eine bestimmte inhaltliche Vorgabe, die bisher nicht das Handeln bestimmt hat, nun zum zentralen Bestandteil bei allen Entscheidungen und Prozessen gemacht wird.

Gender Mainstreaming ist damit z.B. ein Auftrag an die Spitze einer Verwaltung, einer Organisation, eines Unternehmens und an alle Beschäftigten, die unterschiedlichen Interessen und Lebenssituationen von Frauen und Männern von vornherein zu berücksichtigen. So kann das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern effektiv verwirklicht werden.

Dies bezieht sich auf:

Es gibt mehrere Anforderungen und verschiedene Methoden, um eine Organisation, ein Konzept oder ein Gesetz in Bezug auf den Gender-Aspekt zu analysieren.

Zum Beispiel kann analysiert werden:

Bei allen Gender-Analysen muss die unterschiedliche Lebenssituation von Männern und Frauen berücksichtigt werden. Es reicht also auf keinen Fall aus, die Fakten nur quantitativ zu beleuchten und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Männer können in einer Organisation in der Minderheit sein und trotzdem wegen ihrer Funktion mehr Macht bzw. Einfluss haben als die Frauen.

Oder wenn zum Beispiel ein ambulanter Dienst weniger von Männern in Anspruch genommen wird als von Frauen, muss geprüft werden, woran das liegt. Gibt es weniger Männer, die Hilfe benötigen? Oder wird die Hilfe unbezahlt von der Partnerin geleistet? Oder trauen sich Männer gar weniger, Hilfe in Anspruch zu nehmen? Das letzte Beispiel zeigt, dass eine "Männerforschung" im Zusammenhang mit Gender Mainstreaming durchaus sinnvoll wäre. Hier gibt es bisher wenig Ergebnisse.

Für diejenigen, die mehr über Gender Mainstreaming und Gender-Analysen wissen wollen, gibt es am Ende einen Literaturhinweis und einen Linktipp.

Wie wirkt sich das Gender Mainstreaming auf die Interessenvertretung und auf Projekte behinderter Frauen aus?

Nach meiner Erfahrung wird das Gender Mainstreaming häufig als Argument dafür benutzt, z.B. die Stellen von Frauenbeauftragten in "Gleichstellungsbeauftragte" umzuwandeln.

Immer wieder wird argumentiert, dass in Zeiten des Gender Mainstreaming Frauen und Mädchen längst nicht mehr so stark benachteiligt werden wie früher und dass daher spezielle Angebote für Frauen und Mädchen nicht mehr erforderlich sind. Hintergrund dieser Argumentation ist offensichtlich die Annahme, nur weil an vielen Orten von Gender Mainstreaming geredet wird, sei es schon überall umgesetzt.

Dies sind also die Risiken (und Nebenwirkungen).

Aber gibt es auch Chancen?

Ich denke, dass es sie durchaus geben könnte.

Nach meiner Einschätzung ist die gesamte so genannte "Behindertenhilfe" bisher weit vom Gender Mainstreaming entfernt.

Dank der Initiative behinderter Frauen wurden in den neuen Gesetzestexten die Belange von Mädchen und vor allem Frauen mit Behinderung mit berücksichtigt. Aber wie sieht es zum Beispiel in den Bereichen Wohnen, Bildung, Gesundheit, Kultur oder Freizeit aus?

Auch in diesen Bereichen weisen Frauen mit Behinderung und auch nicht behinderte Unterstützerinnen immer wieder auf die Benachteiligung von Mädchen und Frauen mit Behinderung hin. Dieses ständige Hinweisen auf Benachteiligungen kann und darf nicht durch Gender Mainstreaming ersetzt werden. Sondern ist ein weiterhin unverzichtbarer Schritt in Richtung auf eine Einbeziehung und Berücksichtigung der Interessen behinderter Mädchen und Frauen in Prozessen des Gender Mainstreaming.

Nach meiner Einschätzung kann Gender Mainstreaming für Mädchen und Frauen mit Behinderung nur dann eine Unterstützung sein, wenn die unterschiedlichen Lebensrealitäten und geschlechtsspezifischen Benachteiligungen von Frauen in den Gender-Analysen angemessen einbezogen werden. Benachteiligungen können auf diese Weise sichtbarer gemacht werden.

Gender Mainstreaming kann also ein hilfreiches Instrument sein, um "die Gesellschaft" für die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen zu sensibilisieren und entsprechende Konsequenzen zu fordern.

Solange aber immer wieder so getan wird, als hätte man mit der Benutzung des Begriffs "Gender Mainstreaming" und dem Anspruch, dies umzusetzen, schon die Gleichstellung von Männern und Frauen erreicht, sind Projekte und die Interessenvertretung behinderter Frauen gefährdet.

Vielleicht ist es eine wesentliche Aufgabe der Interessenvertretung behinderter Frauen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die "Behindertenszene" vom Gender Mainstreaming noch ziemlich weit entfernt ist.

Die politische Interessenvertretung behinderter Frauen und entsprechende Projekte sind also heute noch genauso notwendig wie früher.

Die Tatsache, dass sich so viele Frauen mit Behinderung zu dieser Tagung angemeldet haben, zeigt, für wie viele die Belange von Frauen mit Behinderung nach wie vor wichtig sind

Link und Literaturtipp:

www.gender-mainstreaming.net

Stiegler, Barbara
Gender Macht Politik – 10 Fragen und Antworten zum Konzept Gender Mainstreaming
Friedrich-Ebert-Stiftung, Abt. Arbeit und Sozialpolitik
Bonn 2002


Impuls: Agieren statt Reagieren!
Gesellschaftliche Perspektiven für behinderte Frauen

Foto Martina Puschke

von Martina Puschke

Ich freue mich, dass so viele behinderte Frauen aus ganz Deutschland den Weg nach Rheinsberg gefunden haben, um sich auszutauschen, inne zu halten und gemeinsam etwas zu bewegen. Mein Thema lautet heute „Agieren statt Reagieren! Gesellschaftliche Perspektiven für behinderte Frauen“. Es geht dabei um die Aktivitäten der Bewegung behinderter Frauen vor dem Hintergrund der Veränderung gesellschaftlicher Gegebenheiten. Ich möchte Euch meine Gedanken zu dem Thema vorstellen und würde mich freuen, wenn es Euch an dem einen oder anderen Punkt ähnlich geht. Oder aber wenn Ihr sagt: „Die spinnt doch!“ Beides wird hoffentlich dazu führen, dass wir uns mit unseren derzeitigen Aktivitäten und denen der Zukunft auseinander setzen werden. Vorweg noch eine Bemerkung: Wenn ich im Folgenden von „Wir“ spreche, dann meine ich damit uns alle. Uns behinderte Frauen als soziale Bewegung.

Mein kurzer Impulsvortrag teilt sich in vier Abschnitte auf:

  1. Entwicklung der Bewegung behinderter Frauen
  2. Gesellschaftliche Veränderungen in den letzten 20 Jahren
  3. Veränderte Mitbestimmung behinderter Frauen in politischen Prozessen
  4. Wie gehen wir mit den gesellschaftlichen Veränderungen um?

1. Entwicklung der Bewegung behinderter Frauen

Die Arbeit der Bewegung behinderter Frauen hat sich seit ihrer Gründung im Westteil Deutschlands vor mehr als 20 Jahren stark verändert. Nach der Gründung der ersten Selbsthilfegruppen, VHS-Kurse und der so genannten „Krüppelfrauengruppen“ politisierte sich die Arbeit zunehmend. Je nachdem, aus welcher Richtung die aktiven Frauen kamen, arbeiteten sie in der Frauenbewegung oder der Behindertenbewegung mit. Nicht alle Aktiven der Behindertenbewegung begrüßten den Elan der Frauen, nun endlich ihre Themen in die politische Öffentlichkeit zu tragen. Schon sehr früh in den 80er Jahren gab es Protest seitens einiger behinderter Männer gegen die Bewegung behinderter Frauen. Die Frauen wurden als „Spalterinnen“ der Behindertenbewegung gesehen. Alle Kraft müsse auf die „wichtigen“ Themen wie Barrierefreiheit und Antidiskriminierung richten. Wie wir wissen, haben sich die Frauen nicht beirren lassen. Ganz im Gegenteil. Sie professionalisierten ihre Arbeit in den 90er Jahren und gründeten Netzwerke und Koordinierungsstellen in einzelnen Bundesländern.

Fast auf den Tag genau vor 15 Jahren ist unsere Bewegung enorm gewachsen. Seither mischen unsere ostdeutschen Schwestern in der Bewegung mit. Diese Erweiterung hat zu neuen Diskussionen unter uns geführt. Wir mussten uns erstmal austauschen über unsere unterschiedlichen Lebensweisen und über Vor- und Nachteile des jeweiligen Gesellschaftssystems für behinderte Frauen. Leider hatten wir keinen Einfluss darauf, dass die Modelle aus dem Osten in voller Gänze über Bord gekippt wurden.

2. Gesellschaftliche Veränderungen in den letzten 20 Jahren

Das gesellschaftliche Zusammenleben und die Sozialpolitik der letzten 20 Jahre haben sich jedoch nicht nur durch den Fall der Mauer verändert. So sind immer mehr Menschen erwerbsarbeitslos. Es gibt immer mehr alte Menschen, vor allen Dingen alte Frauen. Immer mehr Frauen schaffen den Sprung in die Leitungsebene, wenn auch immer noch vergleichsweise wenig gegenüber Männern. Manche Bedingungen sind auch geblieben: Wenn Frauen Kinder und Karriere wählen, sind sie mehrheitlich nach dem Arbeitstag für den Haushalt und die Kinder zuständig. Auch gibt es in Deutschland immer noch keinen gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Weder in Ost und West noch für Männer und Frauen. Frauen verdienen häufig in der gleichen Position weniger als ihre männlichen Kollegen.

Speziell für behinderte Menschen gab es auch Veränderungen in den letzten 20 Jahren. Selbstbestimmung ist in aller Munde. Das von der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung eingebrachte Persönliche Budget ist auf dem Vormarsch. Dass behinderte Frauen in der beruflichen Reha unterrepräsentiert sind, wissen nicht nur wir. Es gibt immer mehr junge Mütter mit Behinderung. Es gibt Wohnprojekte für Mütter mit Lernschwierigkeiten. Die landes- und bundesweite Interessenvertretung behinderter Frauen ist anerkannt, um nur einige Beispiele zu nennen.

3. Veränderte Mitbestimmung behinderter Frauen in politischen Prozessen

Apropos Interessenvertretung behinderter Frauen. So einige Reformen kamen und gingen in den letzten Jahren. Denken wir da zum Beispiel an die Gesundheitsreform unter Norbert Blüm. Der Aufschrei in der Bewegung behinderter Frauen war mehr oder weniger groß. Wirklich Einfluss nehmen konnten wir jedoch erst nach der 16-jährigen Ära Helmut Kohls. In der ersten Legislaturperiode unter Rot-Grün zählte die Meinung behinderter Frauen tatsächlich. Wir waren im Aufwind, wurden zu Werkstattgesprächen und Anhörungen eingeladen. Politikerinnen und Politiker kamen auf uns zu und fragten uns nach unserer Meinung. So entstanden die ersten bundesdeutschen Gesetze, in denen die Lebenssituation behinderter Frauen benannt sind. Inzwischen sitzen wir vom Weibernetz in dem einen oder anderen erwünschten Gremium, um die Belange behinderter Frauen einzubringen. Den Landesnetzwerken und Koordinierungsstellen geht es ähnlich. Wir sind jetzt also dabei. Dürfen mitreden. Nicht nur am „Katzentisch“, sondern mittendrin am einen oder anderen „Herrentisch“.

Inzwischen passiert es im politischen Alltagsgeschäft schnell, dass wir von der Tagespolitik aufgefressen werden. Das werden alle hier anwesenden Frauen aus den Netzwerken und Koordinierungsstellen kennen. Die Gremientermine jagen einander. Und es gibt genügend Vorlagen von Seiten der Regierung, an denen wir uns „abarbeiten“ können. Da bleibt wenig Zeit zum Innehalten und für Überlegungen, ob die Themen, die wir vertreten vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen noch Bestand haben.

4. Wie gehen wir mit den gesellschaftlichen Veränderungen um?

Nehmen wir das Thema „Erwerbsarbeit“. Ein wichtiges Thema für unsere Bewegung seit ihrem Bestehen. Wir alle wissen, dass behinderte Frauen das Schlusslicht auf dem Arbeitsmarkt bilden. Und das, obwohl sie eine zum Teil bessere Schulbildung haben als behinderte Männer. Das ist ärgerlich und deshalb setzen wir uns für verbesserte Arbeitsmarktbedingungen und Einstellungschancen von Frauen ein. So weit so gut.

Gleichzeitig wissen wir, dass derzeit so viele Menschen wie noch nie erwerbsarbeitslos sind. Es wir in absehbarer Zeit wohl erst mal so bleiben, dass nicht alle Menschen, die arbeiten wollen, einen bezahlten Job, adäquat zu ihren Fähigkeiten, bekommen. Unsere Bundesregierung glaubt, dass Hartz IV zur Lösung des Problems beiträgt. Unter anderem mit sogenannten 1 Euro Jobs. Und was machen wir? Wir reagieren prompt und nehmen erstmal Hartz IV auseinander. Warum tun wir das? Wir könnten uns doch zusammensetzen und über andere Modelle wie ein Mindestlohn für Alle diskutieren. Oder wir könnten darüber reden, wie sich die Gesellschaft verändern muss, damit sich das Selbstwertgefühl Einzelner eben nicht nur über die Erwerbsarbeit definiert. Zum Thema Hartz und Sozialpolitik gibt es eine Arbeitsgruppe auf dieser Tagung. Ich bin gespannt auf Eure Diskussionen.

Ein ähnliches Beispiel im Zusammenhang mit dem Beruf: Die berufliche Rehabilitation. Wir wissen, dass der Frauenanteil in Berufsbildungswerken (BBW) und Berufsförderungswerken (BFW) bei nur ca. 30 % liegt. Daran hat sich in den letzten 15 Jahren fast nichts geändert. Seither überlegen wir mit den Einrichtungsträgern gemeinsam, woran es liegt und schlagen Veränderungen im System vor. Das System reagiert so langsam, aber an den Zahlen ändert sich nichts. Auch hier ist die Frage, welchen Weg wir weiter einschlagen. Ob wir weiter überlegen, warum die Frauen nicht ins BBW und BFW kommen. Oder ob wir akzeptieren, dass es offensichtlich für Frauen nicht so erstrebenswert ist, in der Sondereinrichtung die Erstausbildung oder Umschulung zu absolvieren. Wir könnten ja auch schauen, welche Wege die Frauen für sich gefunden haben. Oder welche anderen Ausbildungsmöglichkeiten geschaffen werden müssten.

Ein drittes und letztes Beispiel beschäftigt sich mit dem Thema Sexualität im weitesten Sinne. Wir haben viele Jahre dafür gekämpft, dass behinderte Frauen nicht mehr als sexuelle Neutren gesehen werden. Wenn wir uns heute manche Zeitschriften, Kalender und Internetseiten anschauen, dann sehen wir, dass wir „Erfolg“ hatten. Denn behinderte Frauen wurden als Akte, aber auch als Sexobjekte, als Pin-Up Girls entdeckt. Vielen Frauen gefällt das nicht. Manchen offenbar schon. Wir müssen uns jetzt die Frage stellen: Wie wollen wir in der Öffentlichkeit dargestellt werden? Es reicht offenbar nicht, nur zu sagen, was man nicht will. In diesem Fall war es, nicht als sexuelles Neutrum dargestellt werden. Wir müssen uns auch fragen: Wie gehen wir mit Darstellungen, die uns nicht gefallen, um? Ähnliches gilt im Zusammenhang mit dem ersten Schönheitswettbewerb für behinderte Frauen. Viele Frauen haben dort mitgemacht. Wir vom Weibernetz sehen den Wettbewerb kritisch. Aber wie steht die Bewegung behinderter Frauen dazu? Und wieder stellt sich die Frage, wie wir gesehen werden wollen als behinderte Frauen. Auch zu diesem Thema gibt es eine Arbeitsgruppe.

Bei diesen Beispielen will ich es für heute belassen. Ich habe keine Antworten auf die aufgeworfenen Fragen. Sie sollen uns alle zum Nachdenken anregen. Zum Nachdenken darüber, welche Themen, welche Forderungen auf unserer „Agenda“ der nächsten Jahre stehen sollen, wenn wir uns morgen Nachmittag hier wieder treffen.

Es gibt verschiedene Wege für behinderte Frauen. Hier haben wir Zeit, uns darüber auszutauschen, wie wir unsere Erwartungen in die Politik, aber auch in unseren alltäglichen Lebensraum einbringen können. Welche Aktionsformen geeignet scheinen. Wie wir auch den Spaß an der Durchsetzung unserer Interessen nicht verlieren. Welche Frauen mit welchen Organisationen oder mit welchen anderen Frauen zusammen arbeiten wollen.

Die Bewegung behinderter Frauen lebt! Es führen viele Wege zum Ziel. Lasst uns loslaufen und rollen! Lasst uns zeigen, dass wir behinderte Frauen in Bewegung sind.


Schlussrunde mit Verabschiedung der Agenda behinderte Frauen

Berichte aus dem Open Space

Nach zweitägigem Austausch im Plenum, in Arbeitsgruppen und dem „Open Space“ stimmten die Teilnehmerinnen der Tagung die wichtigsten Forderungen an die Sozialpolitik aus Sicht behinderter Frauen ab. Somit formulierten sie ihre Agenda, die sie den aktuellen Sozialreformen gegenüber stellen wollen.

Teilnehmerinnen im Plenum

Es blieb jedoch nicht nur bei Forderungen an die Politik. Neben der sozialpolitischen Agenda formulierten die Teilnehmerinnen Aktionsschwerpunkte für ihre Arbeit, um für Alltagssituationen zu sensibilisieren und so die Lebensbedingungen behinderter Frauen zu verbessern. Dazu gehören z.B. die Beschäftigung mit Älterwerden, dem gängigen Schönheitsideal sowie die Thematisierung der Lebensbedingungen behinderter Frauen auf dem Land.

Sozialpolitische Agenda aus Sicht behinderter Frauen

Die Teilnehmerinnen der Tagung „Zwischen Anpassung und Protest – Wege behinderter Frauen“ des Projekts „Politische Interessenvertretung behinderter Frauen“ des Weibernetz e.V. begrüßen die politisch gewünschte Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Zur fortwährenden Umsetzung dieses Anspruchs fordern sie sowohl die Bundesregierung als auch die Landesregierungen und Kommunen auf, ihre sozial- und behindertenpolitischen Programme dahingehend zu überarbeiten, dass die Belange behinderter Frauen Berücksichtigung finden und somit ihre Lebensbedingungen zugunsten einer gleichberechtigten und barrierefreien Teilhabe verbessert werden.

Die Teilnehmerinnen fordern im Einzelnen:

  1. Nachteilsausgleiche und Zugang zu allen sozialen Leistungen unabhängig von Erwerbstätigkeit
  2. Bedarfsdeckende Assistenz für jede Frau mit Behinderung, einkommens- und vermögensunabhängig
  3. Bedarfsgerechtes Persönliches Budget, einkommens- und vermögensunabhängig
  4. Prävention von Sexismus, Rassismus, Gewalt und Diskriminierung als Verpflichtung des Staates
  5. Barrierefreie Gesundheitsversorgung für behinderte Frauen
  6. Barrierefreie Freizeiteinrichtungen und barrierefreie Frauenangebote (in Schwimmbädern etc)
  7. Kein Leben in Einrichtungen gegen den Willen Einzelner
  8. Behinderte Menschen müssen ihre Rechte kennen. Die Rechte müssen in leichter Sprache, in Braille etc vorhanden sein.
  9. Finanzierung der Fortbildung und Qualifizierung von MitarbeiterInnen und Bewohnerinnen in Einrichtungen zur Unterstützung der Selbstbestimmung behinderter Frauen durch behinderte Frauen
  10. Einsetzen von Behindertenbeauftragten in ländlichen Regionen
  11. Einlösung der sozialen Verantwortung der Wirtschaft

Für Gespräche und eine konstruktive Zusammenarbeit stehen wir vom Weibernetz e.V. selbstverständlich gerne zur Verfügung.

Austausch in Kleingruppen

Rheinsberg, 2. Oktober 2004






Fotos: Stephanie Hertha, Weibernetz e.V.





Erläuterungen zu den einzelnen Punkten der sozialpolitischen Agenda aus Sicht behinderter Frauen

1. Nachteilsausgleiche und Zugang zu allen sozialen Leistungen unabhängig von Erwerbstätigkeit

Nachteilsausgleiche oder auch Leistungen zur Teilhabe im Sinne der Sozialgesetzbücher sind teilweise an die Herstellung oder Erhaltung der Erwerbstätigkeit gekoppelt.
Da behinderte Frauen aus diversen Gründen häufig nicht erwerbstätig sind, haben sie erschwerten oder gar keinen Zugang zu bestimmten Leistungen. Dazu gehören z.B. die KfZ-Beihilfe bei der Anschaffung eines PKW und die Arbeitsassistenz nach § 33, Abs. 8 SGB IX.

In der Lebensrealität von Frauen heißt dies, dass behinderte Frauen, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen, keinen direkten Anspruch auf KfZ-Beihilfe haben, um am Leben in der Gemeinschaft teilnehmen zu können. Dies gilt auch für Mütter mit Mobilitätseinschränkungen, die ihre Kinder zum Kindergarten, in die Schule und zu Freizeitveranstaltungen bringen müssen. Ebenfalls haben Mütter für die Verrichtung der Familienarbeiten keinen Anspruch auf Assistenz äquivalent zur Arbeitsassistenz.

Hier sehen die Teilnehmerinnen der Weibernetz-Tagung dringenden Änderungsbedarf.

2. Bedarfsdeckende persönliche Assistenz für jede Frau mit Behinderung, einkommens- und vermögensunabhängig

Viele Frauen (und Männer) brauchen aufgrund ihrer Behinderung Unterstützung oder Assistenz im Alltag. Um tatsächlich selbstbestimmt leben zu können, müssen Frauen wählen können, wer, wann, welche Assistenzleistungen übernimmt. Das geht am besten mit der persönlichen Assistenz, die nach den Anweisungen der Assistenznehmerin handelt. Gerade für Frauen, die auch in der Körperpflege Assistenz benötigen, ist Wahl der Assistenzperson von großer Bedeutung, um sie vor sexualisierter Gewalt zu schützen.

Gegenwärtig in Zeiten knapper kommunaler Kassen wird immer häufiger versucht, Assistenzstunden zu kürzen oder das Leben in der eigenen Wohnung mit Assistenz zu verhindern. Alternativ werden Einrichtungen mit betreuten Wohnen oder Heime angeboten, in denen die Selbstbestimmung und der Schutz vor sexualisierter Gewalt nicht durchgängig gewährleistet werden kann. Dieser Trend ist ein Rückschritt in der Behinderten- und Sozialpolitik. Er muss daher gestoppt werden!

Zudem sind die Assistenzleistungen nach wie vor einkommens- und vermögensabhängig. Hier sind Änderungen notwendig.

3. Bedarfsgerechtes Persönliches Budget, einkommens- und vermögensunabhängig

Seit 1. Juli 2004 kann ein behinderungsbedingter Hilfe- oder Assistenzbedarf als so genanntes persönliches Budget an die Menschen mit Behinderung ausgegeben werden. Allerdings sehen die Kostenträger vor, nur die Leistungen als Geldbetrag zu genehmigen, die vor dem Budget auch schon bewilligungsfähig waren.

Behinderten Frauen ist wichtig, dass das Budget bedarfsdeckend ist und ihnen Möglichkeiten eröffnet, notwendige Unterstützung in der Familienarbeit etc. zu bekommen. Diese auch gesellschaftlich wichtige Arbeit wird immer noch in erster Linie von Frauen geleistet. Sie brauchen je nach Behinderung unterschiedliche Unterstützung analog zur Arbeitsplatzassistenz.

4. Prävention von Sexismus, Rassismus, Gewalt und Diskriminierung als Verpflichtung des Staates

Frauen sind im besonderen Maße von Sexismus und (sexualisierter) Gewalt betroffen. Darüber hinaus werden sie aufgrund ihres Behindert- und ihres Frauseins diskriminiert. Die Teilnehmerinnen der Weibernetz-Tagung heben die Verpflichtung des Staates zur Prävention hervor. Dazu gehört z.B. die Finanzierung von Aufklärungsmaterialien, Projekten und Kampagnen, welche auf die Situation von Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen eingehen.

5. Barrierefreie Gesundheitsversorgung für behinderte Frauen

Während Frauen generell aufgefordert werden, regelmäßig an Vorsorgeuntersuchungen teilzunehmen, bleibt Frauen mit Behinderung der Zugang zu GynäkologInnen und anderen ÄrztInnen ihrer Wahl häufig verwehrt. Dies gilt nicht nur für mobilitätsbeeinträchtigte Frauen, die aufgrund von Stufen oder einem starren Gynäkologenstuhl nicht in der Praxis untersucht werden können. Auch Frauen mit Lernschwierigkeiten haben aufgrund fehlender Kenntnisse der ÄrztInnen und ggf eines höheren Zeitbedarfs der Untersuchung keine freie Arztwahl. Hier muss dringend in Form von Schaffung barrierefreier Praxen und Schulung von ÄrztInnen Abhilfe geschaffen werden.

6. Barrierefreie Freizeiteinrichtungen und barrierefreie Frauenangebote (in Schwimmbädern etc)

Die Teilnehmerinnen der Weibernetz-Tagung haben erneut festgestellt, wie stärkend gemeinsame Aktivitäten von Frauen sind, wenn Freizeitangebote durchgängig barrierefrei sind. Wenn es keiner Vororganisation bedarf, ob das Schwimmbad oder die Sporthalle um die Ecke barrierefrei zugänglich sind. So wären Freizeitangebote speziell für Frauen äußerst sinnvoll und gesundheitlich vorbeugend, indem sie das Körpergefühl und die Körpererfahrung verbessern und ermöglichen. Zudem stärken sie den Zusammenhalt unter Frauen und damit ihre Selbsthilfeaktivitäten.

7. Kein Leben in Einrichtungen gegen den Willen Einzelner

In Deutschland leben noch sehr viele Frauen und Männer mit Behinderungen in Einrichtungen. Aufgrund der fehlenden ambulanten Strukturen und Unterstützungsmöglichkeiten haben nicht alle frei entschieden, dort zu leben. Mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen haben bereits Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Daher ist es besonders wichtig, ausreichend und flächendeckend Wohn- Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten außerhalb von Einrichtungen zu schaffen, um Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Wir vom Weibernetz e.V. unterstützen aus diesem Grund die Kampagne „Marsch aus den Institutionen“ vom Forum für selbstbestimmte Assistenz – ForseA e.V.

8. Behinderte Menschen müssen ihre Rechte kennen. Die Rechte müssen in leichter Sprache, in Braille etc vorhanden sein.

Weder Gesetzestexte, noch Verträge, Hausordnungen etc. sind für alle Menschen gleichermaßen zugänglich. Viele Menschen mit Behinderungen kennen daher ihre Rechte nicht. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden.

9. Finanzierung der Fortbildung und Qualifizierung von MitarbeiterInnen und Bewohnerinnen in Einrichtungen zur Unterstützung der Selbstbestimmung behinderter Frauen durch behinderte Frauen

Neben dem Problem der sexualisierten Gewalt (s. 7.) sind behinderte Frauen, die in Einrichtungen leben, häufig nicht sexuell aufgeklärt. Um Frauen in ihrem Selbstbestimmungsrecht zu stärken, ist es notwendig, dass sowohl die MitarbeiterInnen als auch die Bewohnerinnen durch behinderte Expertinnen geschult werden.

10. Einsetzen von Behindertenbeauftragten in ländlichen Regionen

Neben kommunalen Frauenbeauftragten sind auch Behindertenbeauftragte AnsprechpartnerInnen für die Belange behinderter Frauen. Insbesondere in ländlichen Regionen gibt es jedoch häufig keine Beauftragten für die Belange behinderter Menschen. Gerade in ländlichen Regionen verfügen Frauen mit Behinderung noch seltener über einen Erwerbsarbeitsplatz und leben aufgrund nicht barrierefreien oder gar nicht vorhandenen ÖPNV isoliert. Die Teilnehmerinnen der Weibernetz-Tagung fordern daher die flächendeckende Schaffung kommunaler Behindertenbeauftragter als direkte AnsprechpartnerInnen, die laut ihrer Aufgabenstellung die besonderen Belange behinderter Frauen berücksichtigen müssen.

11. Einlösung der sozialen Verantwortung der Wirtschaft

Die Teilnehmerinnen der Weibernetz-Tagung sind davon überzeugt, dass große Konzerne und Wirtschaftsunternehmen nicht ausreichend ihren Möglichkeiten entsprechend soziale Aspekte in der Gesellschaft unterstützen. Sie müssen verstärkt an ihre soziale Verantwortung erinnert werden.

Rheinsberg, 2. Oktober 2004

Text drucken